Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 30. Januar 2001

Nicht schließen, sondern ausbauen

Zu: "Mehr als eine Ausleihstätte". SZ vom 12. Dezember

Als ich im September letzten Jahres nach Lübeck gezogen bin, war eine meiner erfreulichen Entdeckungen, daß ich in Lübeck ein ausgebautes Netz von Stadtteilbibliotheken antreffen konnte - in der Bundesrepublik nicht mehr die Regel. Für mich als "Neu-Lübeckerin" bietet die Stadtteil- bibliothek St. Lorenz-Nord nicht nur wegen der Literaturversorgung eine gute Anlaufstelle, sondern ich fand hier Gelegenheit, einen Querschnitt der unterschiedlichen Menschen, die in meinem eigenen Viertel leben, kennenzulernen.

Als Professorin am "Fachbereich Bibliothek und Information" der Fachhochschule Hamburg ist mir die Stadtbi-bliothek Lübeck ein Begriff. Verschiedene Diplomarbeiten haben sich mit der für die Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken beispielhaften Geschichte der Lübecker Bücherhallen beschäftigt - eine Geschichte, die untrennbar mit dem Auf- und Ausbau der Stadtteilbibliotheken zu Instrumenten einer wirksamen Lese- und Kulturförderung aller Bevölkerungsschichten verbunden ist.

Die Stadtteilbibliotheken haben eine historisch gewachsene Bedeutung in der städtischen Kultur und ihre Dienstleistungen werden als fester Bestandteil der kulturellen Einrichtungen der Stadt von den Bewohnern der Stadtteile sehr nachgefragt.

In den Stadtteilen, in denen es außer Gaststätten und Supermärkten kaum Treffpunkte gibt, würde den BürgerInnen durch die geplante Schließung ein wichtiger Kommunikationsort genommen.

In der Politik wird die Zunahme von Gewalt, Rassismus, Jugendkriminalität und Vandalismus ebenso wie die Vereinsamung alter Menschen beklagt. Ein Zusammenhang mit einem stetigen Abbau kostenloser oder kostengünstiger Freizeitangebote wird hingegen von den Verantwortlichen nicht gesehen.

Wie sollen sich die Bür-
gerInnen noch mit der Kultur einer Stadt identifizieren, wenn Stück für Stück die vertrauten kulturellen Einrichtungen vor ihrer Haustür dem Rotstift zum Opfer fallen und sich städtische Kultur aus-schließlich in Prestigeobjekten ausdrückt? Ich bin überzeugt, daß der zu erreichende Spareffekt in keinem Verhältnis zur irreparablen Zerstörung einer seit Jahren gewachsenen Stadtteilkultur steht.

Damit die von Politik und Wirtschaft lautstark postulierte Förderung der Informations- und Wissensgesellschaft keine leere Phrase bleibt und Initiativen wie "Schulen ans Netz" Multiplikatoren und Ansprechpartner vor Ort finden, sollten die Stadtteilbibliotheken vielmehr durch eine schrittweise Modernisierung auf die auch in den Stadtteilen stetig steigenden Anforderungen an die Medienkompetenz der BürgerInnen reagieren; neben der Stärkung ihrer Funk-tion als Freizeit- und Bildungseinrichtungen müssen die Zweigstellen zu Medienkompetenzzentren ausgebaut
werden.

Prof. Dr. Ulrike Spree, Lübeck

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