Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 06. Februar 2001

Das lübsche Lied der Glocke

Ein Beutestück aus dem zweiten Weltkrieg kehrt nach Rußland zurück

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Joachim Otto beim Anbau des Glockenjochs; Foto: M. Erz

Eine kleine Glocke aus dem russischen Städtchen Staraja Russa, im 17. Jahrhundert in Lübeck gegossen und im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten als Kriegsbeute nach Lübeck gebracht, kehrt wieder nach Rußland zurück. Am Montag wurde die 100 Kilogramm schwere Glocke in einen Drahtcontainer verpackt und auf die Reise nach St. Petersburg geschickt, wo Vertreter aus Staraja Russa sie möglichst direkt in Empfang nehmen sollen - denn im St. Peters-
burger Hafen geht leicht etwas verloren.

Im Januar 1999 hatte sich die Bürgermeisterin von Nowgorod in Lübeck gemeldet, da man dort alte Wehrmachtsunterlagen gefunden hatte, in denen von der Glocke die Rede war. Sie stammt aus einer kleinen Holzkirche, der Kirche der heiligen Mina, und wurde von Soldaten des deutschen 10. Armeekorps entdeckt und beschlagnahmt, als sie Staraja Russa zerstörten; die Glocke wurde wegen ihrer Inschrift nach Lübeck geschickt. Die Inschrift der Glocke lautet "Albert Benningk me fecit Lubeca anno 1672" (Albert Benningk hat mich gemacht, Lübeck im Jahr 1672). Bennigk war ein bedeutender Glockenbauer seiner Zeit, anerkannt und berühmt für sein Handwerk, das er im gesamten Ostseeraum ausübte.

Die deutschen Soldaten rechtfertigten ihr Tun damit, die Glocke vor der Zerstörung schützen zu wollen, und meinten, die Hansestadt könne sie brauchen, wenn sie ihre zerstörten Kirchen wiederaufbauen wolle. So übergaben die Militärs am 19. Januar 1943 die Glocke im Heiligen-Geist-Hospital dem Staatsbeauftragten für die Hansestadt. Später gelangte sie in die Katharinenkirche, wo sie seitdem, fast 60 Jahre lang, unbemerkt lagerte.

Als die Lübecker von dem Beutestück hörten, machte sich Kultursenator Ulrich Meyenborg auf die Suche und fand die Bronzeglocke im hinteren Chorbereich der Katharinenkirche. Der damalige Bürgermeister Michael Bouteiller schrieb daraufhin nach Rußland, "daß wir uns nach dem heutigen Rechtsverständnis nicht als rechtmäßige Eigentümer der Glocke ansehen können und sie an die Eigentümer beziehungsweise dessen Rechtsnachfolger zurückgeben werden."

Nach vielen Gesprächen und langer Korrespondenz auf Russisch - für die Hansestadt übersetzte Barbara Schwartz von der Lübeck und Travemünde Tourismus-Zentrale - stand der Plan für die Rückkehr und feierliche Übergabe.

Holger Walter vom Bereich Kultur war in den vergangenen Monaten an der Organisation beteiligt, denn es gab einige Probleme zu lösen, bis die Glocke schließlich ihre Reise antreten konnte.

Zwischen Weihnachten und Neujahr stellte ein Glockentechniker fest, daß in der Glocke ein falscher Klöppel hing. "Nun krieg mal einen Klöppel gegossen, geschmiedet und ausgehärtet in der kurzen Zeit!", sagte Walter. Aber es klappte. Glockenbauer Joachim Otto aus Neustadt baute am vergangenen Mittwoch ein neues Glockenjoch mit einem fünf Kilo schweren Klöppel an die Glocke - schließlich soll sie in Staraja Russa voll funktionstüchtig sein und richtig klingen, wenn sie ihren neuen Platz gefunden hat.

Um den Transport möglichst kostenlos auf die Beine stellen zu können, bekam der Bereich Kultur viel Unterstützung. Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe brachten die Glocke zur Lübeck Distribution Gesellschaft, einer Tochter der Lübecker Hafen-Gesellschaft. Sie wurde verpackt und zu ihrer Sicherheit mit Fotos und Hinweisen auf Russisch und Deutsch versehen (siehe Kasten). Die Speditionen Gröning und Böhls & Behnke transportierten die verpackte Glocke zum Kieler Hafen. Von dort geht es mit der Firma Cellpap auf der Fähre "Transrussia" der Reederei Finnlines am 7. Februar nach St. Petersburg, und dann direkt nach Staraja Russa.

Senator Meyenborg wird am 18. Februar in das Städtchen reisen, um im Namen der Hansestadt die Glocke zurückzugeben und eine Urkunde zu überreichen. Die Urkunde wünscht den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Staraja Russa Frieden. Sie zitiert Friedrich Schillers "Lied von der Glocke": "Holder Friede, süße Eintracht, weilet, weilet - Freundlichkeit über dieser Stadt! ..."

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