Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 20. Februar 2001

"Ein selbstbewußter Bau"

Der Architekt Christoph Ingenhoven erläutert seine Pläne für den Markt-Umbau

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Vision 2002: So könnte der Markt nach dem Umbau aussehen; Computerbild und Zeichnung: Architekturbüro Ingenhoven

Der Lübecker "Markt" liegt im Zentrum der Lübecker Altstadt auf dem höchsten Punkt des flachgeneigten Stadthügels und umfaßt den gesamten historischen Marktbereich. Die geschlossene Platzanlage wird dominiert von dem Rathaus in der nordöstlichen Platzecke, der
St. Marien-Kirche nördlich des Marktes und der St. Petri-Kirche südlich der Holstenstraße.

Die hohe stadträumliche Qualität der mittelalterlichen Platzanlage wird gegenwärtig durch die seit Jahren leerstehenden Bauten an der westlichen Platzseite - alte Post und Stadthaus - stark beeinträchtigt. "Auf der Basis einer umfassenden städtebaulichen und historischen Analyse des Standortes", schreiben die Düsseldorfer Architekten Ingenhoven, Overdiek und Partner und das Aachener Büro Kahlen und Partner, habe man "in engem Dialog mit der Hansestadt Lübeck, dem Bauherrn und dem zukünftigen Hauptnutzer der Gebäude einen Bebauungsvorschlag erarbeitet, der sich in den historisch gewachsenen Kontext einfügt."

Das Gesamtprojekt umfaßt zwei Baukörper. Die Baufluchten nehmen laut Architekt Christoph Ingenhoven die Bebauungskanten der Straßen und Twieten Schüsselbuden, Weiter Krambuden und Kohlmarkt auf; in Verlängerung der Braunstraße trennt die Markttwiete die beiden Gebäude. Ingenhoven: "Die so definierten Baufelder heilen die Versäumnisse der Vergangenheit und fügen sich in die historisch gewachsene Stadtstruktur."

Zugleich betont er, daß die Höhenentwicklung und Gliederung der Gebäude "die hohen architektonischen Qualitäten und die Maßstäblichkeit der historischen Rathausbebauung durch die differenzierte Gliederung und erdgeschossige Arkadierung auf der Marktseite" respektierten. Die vertikale Struktur der Fassade nehme, im Zusammenspiel mit den Dachelementen, die für Lübeck typische "giebelständige" Bebauung auf (Zeichnung: Seite 4).

Auf dem Grundstück der ehemaligen Post soll ein viergeschossiges Textilkaufhaus mit einer Verkaufsfläche von rund4 500 Quadratmetern sowie notwendigen Büro-, Neben- und Lagerflächen entstehen. Das Geschäftshaus der Firma Peek & Cloppenburg werde über den Haupteingang am Kohlmarkt erschlossen und erhalte einen weiteren Eingang in den Arkaden auf der Seite zum Marktplatz. Im Erdgeschoß des Gebäudes soll an der Markttwiete ein Bistro untergebracht werden. "Wir schaffen an dieser Stelle Magnetkraft", ist Ingenhoven überzeugt.

Eröffnung im Herbst 2002

Auf dem Gelände des ehemaligen "Stadthauses" wird nach diesem Entwurf ein fünfgeschossiges Bürogebäude errichtet, das im Erdgeschoß die Funktionen eines "Welcome-Center" der Hansestadt Lübeck aufnehmen kann. Verhandlungen darüber sind zur Zeit im Gange.

Danach hätte das Stadthaus künftig ein Geschoß mehr. Die Büroräume sollen überwiegend von einer Versicherung genutzt werden. Das Ziel ist, das Geschäftshaus im Herbst 2002 zu eröffnen. Die Gesamtinvesti-
tionssumme beträgt rund 30 Millionen Mark.

Zwar fordern Architekten und Investoren ausdrücklich zur Auseinandersetzung mit dem vorgelegten Entwurf auf, doch eine völlig andere Sicht der Dinge wird es dadurch trotzdem nicht geben, betonte Ingehoven vergangene Woche vor dem Architekturforum; er versprach allerdings, die aus Lübeck kom- menden Anregungen bei der endgültigen Gestaltung zu berücksichtigen. Seinen überarbeiteten Entwurf wolle er in vier bis sechs Wochen vorlegen.

Die Diskussion über die Belebung des Marktes durch das Textilkaufhaus hat die Bürger-initiative Rettet Lübeck (BIRL) zusammenfassend in drei "Meinungs-Blöcke" aufgeteilt (eine ausführliche Kritik der BIRL steht auf Seite 4):

*1. Na endlich passiert etwas. Den Jammer konnte man doch nicht mehr ertragen.

*2. Ein Kaufhaus auf dem Markt? Nein danke. Es steht woanders doch genug leer.

*3.Tolle Architektur, aber im Detail verbesserbar, vielleicht sogar eine Spur zu modisch.

In der Fachdiskussion mit den Lübecker Architektenkollegen am vergangenen Dienstag im Rahmen einer Veranstaltung des Architekturforums hieß es aus Teilnehmerkreisen, der Bau sei zu groß, er würde dadurch den Markt dominieren. Nicht ohne Grund habe der städtebauliche Wettbewerb 1996 als ein wünschenswertes Ergebnis eine kleinteilige Bebauung ergeben. Dagegen wurden auch andere Stimmen laut, die bemängelten, daß fünf Jahre Zeit gewesen wäre, einen Investor für diese Idee zu finden. Doch den gebe es bis heute nicht. Dann müsse man sich nun mit den Realitäten abfinden.

Unterschiedlich bewertet wurde aber vor allem die geschwungene Dachkonstruktion. Während einige Architektenkollegen darin einen "mutigen Ansatz" sahen, empfanden viele diese "Riesen-Ohren" als völlig unakzeptabel.

"Beliebiges Material"

Ein weiterer Kritikpunkt betraf die Materialwahl. "Einen solchen Glaspalast findet man heute in jeder Metropole", wurde dem Architekten vorgehalten. Stattdessen hätte man Lübeck-typische Materialien wählen sollen: "Lübeck ist geprägt von Backstein, Sandstsein und geputzten Fassaden." Die Wahl des Materials sei keineswegs "beliebig", konterte Ingenhoven; vielmehr solle dadurch Transparenz geschaffen werden. Er denke dabei an die Tradition der großen Markthallen, ein für die "Hanse-Handel-Stadt" Lübeck bis heute zutreffendes Thema.

Die Größe des Gebäudes verteidigte der Düsseldorfer Architekt, der mehr als 25 nationale und internationale Auszeichnungen vorweisen kann, mit dem Hinweis auf die "Macht, die vom Handel immer ausgegangen ist." Das Lübecker Rathaus zeuge beredt davon. Das gleiche gelte für die benachbarten Kirchen. So selbstbewußt sei auch der geplante Neubau. Dies gelte ebenso für die architektonische Formensprache, die bewußt "eine Sprache des 21. Jahrhunderts" sei. "Wenn wir heute etwas bauen, dann soll es auch von heute sein. Die anderen, vorhandenen Gebäude waren ebenfalls sehr selbstbewußte Zeugnisse ihrer damaligen Architektur-Zeit", so Ingenhoven. Dabei stelle er "den historischen Bauteilen nicht gegenüber, was sie übertrumpft, aber was ihnen angemessen gegenübersteht." Im übrigen sei der geplante Neubau nur zehn Meter länger als das bestehende Postgebäude.

Die grundsätzliche Kritik, er habe sich an der historisch gewachsenen Bausubstanz Lübecks nicht orientieren wollen, konterte der Architekt mit dem Hinweis, daß er im bestehenden Stadtbild keinen einheitlichen Baustil erkennen könne. Mehr noch: Er sei gern bereit, mit den Fachkollegen durch das Stadtgebiet zu fahren und sie auf Bauten hinzuweisen, die ohne Kritik errichtet werden konnten - und für ihn "echte Bausünden" darstellten. Auch in der Altstadt sei Backstein und Sandstein längst nicht mehr das vorherrschende Material - "wenn sie mal ganz ehrlich durch die Straßen hier gehen", verwies Ingenhoven beispielsweise auf die großen Geschäftsbauten.

"Keine Anbiederung"

Sein Entwurf sei "keine Anbiederung, keine Rekonstruktion", aber ein Neubau, der hinsichtlich Volumen, Materialität und Architektur in einen "Dialog mit dem historischen Ensemble" trete. Dabei unterstrich der Architekt, daß seine Pläne eine "assoziative Betrachtung" sei, aber keine "Beweisführung" für eine Orientierung an Historischem.

Ein Problem bleibt schließlich das Parken. Um den geplanten Zeitrahmen nicht durch eventuelle Ausgrabungen der Archäologen zu gefährden - Bauarbeiten im lübschen Untergrund werden von den hiesigen Archäologen grundsätzlich genau beäugt -, wird keine Tiefgarage unter dem Gebäude entstehen. Hier gibt es bisher keine konkreten Pläne.

Die Fachkollegen blieben auch nach der Veranstaltung des Architektur-Forums gespalten in ihren Ansichten. Ein Teilnehmer brachte es so auf den Punkt: "Ist wirklich die Architektur selbstbewußt - oder nur der Architekt?"

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