Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 08. Mai 2001

Sicherheit kostet Geld

Feuerwehrbedarfsplan in der Beratung - "Stellen gemäß Plan besetzen"

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Personal gesucht - wer steigt die Drehleiter hinauf?; Foto: TBF

Stellen Sie sich vor, es brennt, und die Feuerwehr kommt nicht rechtzeitig genug oder mit zu wenigen Einsatzkräften. In Lübeck ist das bereits jetzt bittere Realität. Beruhigend dabei: In etwa 75 Prozent der Fälle sind die Retter nach zehn Minuten mit zehn Einsatzkräften vor Ort. Oberstes Ziel ist dann zunächst, von Feuer und Rauch bedrohte Menschen zu retten. Erst danach beginnt die eigentliche Brandbekämpfung, also das Löschen der Flammen.

Damit die Lübecker Berufsfeuerwehr (BF)rechtzeitig am Einsatzort sein kann, braucht sie genügend Personal. Doch genau daran mangelt es zur Zeit. So gilt zwar ein von der Bürgerschaft Ende Oktober 1998 mit dem Beschluß zur Neustrukturierung der BF verabschiedeter Stellenplan. Aber die tatsächliche Besetzung dieser sogenannten Funktionsstellen steht nur auf dem Papier. Denn von den eigentlich benötigten 44 Funktionsstellen können derzeit nur 38 besetzt werden.

Knapp 20 Beamte fehlen

Das heißt aber nicht, daß der BF damit nun sechs Beamte des mittleren Dienstes - diese besetzen die Löschzüge - fehlen würden. Das wäre noch zu verschmerzen. Tatsächlich fehlen knapp 20 Mitarbeiter. Denn jede dieser Funktionsstellen, bei denen gewährleistet sein muß, daß sie rund um die Uhr innerhalb einer Minute einsatzbereit besetzt sind, muß noch mit einem Personalfaktor multipliziert werden. Dieser ergibt sich aus den Ausfallzeiten des Personals aus Gründen von Krankheit, Fortbildung, Urlaub, Freizeitausgleich, Erziehungsurlaub und einigen weiteren mehr. Das alles steht im Feuerwehrbedarfsplan, dessen Endfassung gestern im Ausschuß für Sicherheit und Ordnung beraten wurde. Er birgt eine gewisse Sprengkraft:Denn seine Umsetzung kostet Geld.

Konkret heißt das: Würden alle im Stellenplan aufgeführte Planstellen besetzt, so kostet das rund 812 000 Mark. Da es noch keine Vollbesetzung gibt, wird diese Summe derzeit auch nicht "kassenwirksam", wie der Verwaltungsfachbegriff lautet. Das Nichtbesetzen der Stellen belastet also zur Zeit noch nicht den Haushalt. Kassenwirksam würde dieser Betrag abgesehen davon erst schrittweise. Denn die BFbildet für den Bedarf aus und rechnet damit, bis Mitte 2003 die benötigte Anzahl von Beamten (ausgebildet) zu haben.

Zur Zeit sucht die BF wieder nach geeigneten Bewerbern. Vergangene Woche waren die Bewerbungsgespräche.

Doch nicht nur die Stellenbesetzung kostet Geld: Denn ein weiterer Bürgerschaftsbeschluß zur Umsetzung des sogenannten Forplan-Gutachtens ist derzeit noch nicht vollständig vollzogen worden:Es sieht vor, die Hilfsorganisationen im Rettungsdiensteinsatz - Johanniter, ASB und DRK - auf den Feuerwachen der BFunterzubringen. Hintergrund: Die Lübecker BForganisiert und fährt gemeinsam mit den Hilfsorganisationen auch den Rettungsdienst. Die Umsetzung dieses Beschlusses kostet einmalig etwa 260 000 Mark (Schätzung).

Sparen an allen Ecken

Damit wiederum die zusätzlichen Feuerwehrleute und weitere Einsatzfahrzeuge (wie Tanklöschfahrzeuge) untergebracht werden können, müssen die Wachen selbst erweitert werden. Geschätzte weitere einmalige Kosten: Rund 1,3 Mio. Mark.

Lübecks oberste Feuerwehrleute, BF-Chef Oliver Bäth und dessen Vize Bernd Neumann, sind sich über die finanziellen Auswirkungen des Feuerwehrbedarfsplans völlig bewußt. "Doch wir sparen schon jetzt an allen Ecken und Enden", sagt Bäth. Sein Kollege belegt das mit dem Beispiel der Wache 4 in Schlutup (Fabrikstraße): Aufgrund der geringeren Einsatzfrequenz fahren zumeist nur die dort ansässigen sechs Beamten bei Einsätzen raus. Um die Vorgabe zehn Mann in zehn Minuten zu schaffen, werden parallel die Freiwilligen Feuerwehren von Schlutup und Israelsdorf zur Verstärkung alarmiert. "Ein Risiko, das wir eingehen, wobei die Sicherheit der Bevölkerung dieses Bereichs aber gewährleistet ist."

Deutliche Abstriche

Auch generell hat die BFschon deutliche Abstriche gemacht:Aus fachlicher Sicht bräuchte die BFeigentlich 50 Funktionsstellen. Damit könnte sie die AGBF-Standards voll erfüllen. Das sind wissenschaftlich belegte und durch empiri- sche Studien untermauerte Qualitätskriterien für die Bedarfsplanung von Feuerwehren in Städten, die die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der BF" (AGBF) 1998 beschlossen haben.

Diese Kriterien beinhalten unter anderem Definitionen zum Sicherheitsstandard für BF, wozu die zitierte zehn-Mann-in-zehn-Minuten-Regelung gehört. Dieser Mindeststandard ergibt sich aus zwei von einander unabhängigen Qualitätsanforderungen an die Brandbekämpfung:1.:Die Überlebenschance einer von Rauch beeinträchtigten Person sinkt nach 17 Minuten bereits auf 60 Prozent. 2.: Für die ersteingesetzten Feuerwehrleute ist die sofortige Bereitstellung eines Rettungstrupps vorgeschrieben.

Als Bemessungsgrundlage dient dabei der "kritische Wohnungsbrand", ein Einsatzsze- nario, das in Lübeck am häufigsten gemeldet wird. Dabei müs- sen Menschen aus brennenden oder verrauchten Gebäuden gerettet werden. Ein Beispiel:Der Brand in einem Altstadthaus in der Fleischhauerstraße am 28. März. Dabei mußten drei Menschen gerettet werden.

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