Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 08. Mai 2001

Novemberflucht am 1. Mai

WDR dreht auf Priwall -Verfilmung von Teilen des Buchs "Faszination Freiheit"

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Kameramann Paul Eisel (li.) betrachtet gemeinsam mit Regisseur Wiel Verlinden (ganz re.) die soeben gedrehte Szene auf einem kleinen Monitor. Erschöpft in der Mitte: Zwei Stuntmen aus der ARD-Serie "Gegen den Wind", die bei den Dreharbeiten zu "Surf for Freedom" die damaligen DDR-Flüchtlinge Dirk und Karsten spielen.; Fotos (6): M. Langentepe

Am 24. November 1986 fahren die beiden Ost-Berliner Karsten Klünder (33) und Dirk Deckert (25) in Karstens Trabi zur Insel Rügen und überqueren den schmalen Damm zur Halbinsel Ummanz. Von der vorgelagerten Insel Hiddensee wollen sie aus der DDR fliehen. Sie ertragen die Enge und die Einschränkungen des Unrechtsstaates schon lange nicht mehr. Sie wollen frei sein und die Freiheit durch eine waghalsige Flucht über die Ostsee erlangen. Mit den Herbststürmen, so hoffen die jungen Segler und Surfer, wollen sie das offene Meer auf selbstgebauten Surfbrettern überqueren und die dänische Küste der Insel Møn erreichen.

Ein wahrhaft tollkühnes Vorhaben, das fast 15 Jahre später nachgestellt wird. Ende April und Anfang Mai entsteht die deutsch-deutsche Grenze quasi neu: Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) aus Köln verfilmt drei Geschichten des Buches "Faszination Freiheit" als sogenannte Doku-Dramen. Die au-thentischen Fluchten hat der heute in Lübeck-Travemünde lebende Journalist, Autor und Fotograf Bodo Müller in dem oben genannten Buch beschrieben, das im September 2000 im Verlag Ch. Links erschienen ist und über das die SZ in ihrer Ausgabe vom 3. Oktober 2000, dem Tag der Deutschen Einheit, ausführlich berichtete.

Auch diesmal ist ein historisches Datum der Anlaß, die jüngste deutsche Geschichte noch einmal in Erinnerung zu rufen: Am 13. August 1961 riegelte der SED-Staat zunächst Berlin mit Stacheldraht hermetisch ab. Die deutsche Teilung wurde brutal mit einer im Laufe der folgenden Jahre immer perfektionierteren und perfiden Grenze endgültig vollzogen.

40. Jahrestag des Mauerbaus

Rund um den 40. Jahrestag des Mauerbaus sendet der WDR drei Filme á 45 Minuten, die im Abendprogramm des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD) zu sehen sein werden (siehe Info-Kasten unten).

Die Entscheidung zur Verfilmung fiel bereits kurz nach der Veröffentlichung des Buches. "Eigentlich wollten wir nicht nur die Fluchten nach den authentischen Vorlagen verfilmen, sondern auch an den authentischen Orten", sagt Müller in der lauen letzten Aprilnacht dieses Jahres. Dirk Deckert und Karsten Klünder stehen neben ihm, im Hintergrund das Maritim Strandhotel Travemünde.

Der Priwallstrand ist an diesem Abend und den nächsten Tagen Hiddensee. Oben, auf einer Düne, steht Marco, der "Leuchtturm". Immer wieder dreht er den Suchscheinwerfer im Kreis und taucht mit dem harten Strahl für Sekunden Strand, Dünen und Darsteller in ein gespenstisches Licht. "Und los!", fordert Regisseur Wiel Verlinden. Zwei junge Männer, Stuntmen der ARD-Serie "Gegen den Wind", rennen los. Schweiß rinnt über ihre Gesichter. Sie tragen Neopren-Anzüge, darüber noch Trockenanzüge, und mühen sich mit den Surfbrettern durch das dornige Gebüsch. Sie sind in diesen Stunden Dirk und Karsten, die den Drehort längst wieder verlassen haben und im VW-Bus zurück in ihre heutige Heimat nach Süddeutschland fahren.

Die Sonne geht unter

Mittlerweile wird es an der Ostsee immer dunkler. Kameramann Paul Eisel drängt. Die Aufnahmen müssen in den Kasten, die Sonne ist schon seit langem weg, es wird kalt.

Doch es reicht. Weitere Sequenzen sind abgedreht, Verlinden ist zufrieden.

Nicht nur mit diesem Abend. Die gesamten Dreharbeiten verliefen gut. Ein Verdienst Müllers, der die Idee hatte, auf dem Priwall zu drehen. Und auch ein Verdienst der Kurverwaltung, die unbürokratisch die Dreharbeiten gestattete. Der Priwall bot dabei alle Voraussetzungen, um diese Flucht nachstellen zu können: Die Landschaft ähnelt der Hiddensees, die Pötenitzer Wiek ist ein Boddengewässer wie auch der Schaproder Bodden, auf dem Dirk und Karsten Stunden vor der Flucht ihr Material noch einmal testeten, und Müller, der 1985 ebenfalls über die Ostsee aus der DDR flüchten wollte aber scheiterte, steuerte Teile der Requisite bei, um in einer Travemünder Segelmacherei ein typisches DDR-Wohnzimmer nach- zubilden. Gut elf Jahre nach der Maueröffnung kein einfaches Unterfangen. Doch über einen Dresdner Laden konnte der WDR original DDR-Radio und -Sofas für diese Illusion besorgen.

Was Dirk und Karsten in diesem Raum besprachen, ist am 9. August ab 21.45 Uhr im Ersten zu sehen . . .

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