Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 24. Juli 2001

Saxe hat das letzte Wort

Björn Engholm setzt sich gegen den geplanten Neubau am Markt ein

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Björn Engholm lauschte den Worten von Pastor Harig, bevor er das Wort ergriff und seine Zweifel am geplanten Bau äußerte.; Foto: C. Kautz

Nun ist Bürgermeister Bernd Saxe dran. Er hat als oberster Denkmalpfleger der Hansestadt das letzte Wort und fällt die Entscheidung, ob der Entwurf zur Marktbebauung umgesetzt wird. Stimmt er für die Pläne von Architekt Christoph Ingenhoven, geht es Schlag auf Schlag: Bagger und Kran könnten Ende August schon auf den Markt rollen.

Der Investor, die "Marktplatz Lübeck GbR", will nach Entwürfen des Düsseldorfer Architekten Ingenhoven zwei Bauten an die Stelle der ehemaligen Post und des Stadthauses errichten. Die Kaufhauskette Peek & Cloppenburg werde der Hauptmieter des Gebäudes sein, zudem seien drei weitere Läden und Büros für eine Versicherung vorgesehen. Auf dem Areal des Stadthauses seien Büros und Wellcome-Center der LTZ geplant, heißt es.

Mächtiger Bau

Der Kritik an den Entwürfen wegen dürfte die Entscheidung dem Stadtoberhaupt nicht leicht fallen. Saxe hat sich bisher mit diversen Experten beraten. Und die Bedenken der Gesprächs-partner gehen alle in die gleiche Richtung: Gefürchtet wird, daß der geplante Komplex sich nicht einfügt in das Weltkulturerbe.

So sagte Dr. Horst Siewert, Bereichsleiter der Denkmalpflege, im Ausschuß für Kultur- und Denkmalpflege: "Das größte Problem ist die Höhenentwicklung des Gebäudes. Sein Volumen ist mächtig." Damit sei fragwürdig, ob es sich in den historischen Kontext füge. Der Vorsitzende des ArchitekturForums, Klaus Petersen, meint: "Im Grundsatz hat sich der Entwurf nicht geändert. Ich habe Zweifel, daß er die richtige Antwort auf den Standort ist." Es handle sich um eine schöne Architektur. Aber: "Sie ist nicht aus dem Ort heraus entwickelt worden."

Der ehemalige Landesvater Björn Engholm stimmt in den Chor ein. Bei der Protestveranstaltung am vergangenen Mittwoch auf dem Markt (wir haben die Rede auf Seite 5 abgedruckt) sagte er vor rund 300 Lübeckern: "Es ist unsere Pflicht, etwas Optimales zu schaffen, ein Unikat - der Kultur der Stadt und ihrem Status als Weltkulturerbe adäquat."

Daß der Bau das Stadtbild beeinträchtigen könnte, befürchtet auch der Bürgermeister. "Das ist ein ernstzunehmender Einwand", sagte er in einem Gespräch mit der SZ in der vergangenen Woche. Grundsätzlich verkrafte der Platz moderne Architektur. "Ein moderner Bau verträgt sich mit historischen Bauten, wenn alles aufeinander abgestimmt ist." Ob dies am Markt der Fall sei, überlege er sich noch. Für den Entwurf sprächen allerdings die Folgen, die eine Ablehnung nach sich zöge. "Bis wir einen neuen Investor haben, würden vier bis fünf Jahre ins Land gehen. Wir haben zu viele Leerstände in der Hansestadt."

Kulturerbe auf dem Spiel?

Leerstand und eventuellen finanziellen Folgen zum Trotz warnt Dr. Folkert Precht, Wissenschaftsreferent der "Deutschen UNESCO Kommission" in Bonn: "Die Zukunft ist länger als berechtigte wirtschaftliche Interessen. Das Prädikat Weltkulturerbe kann man verspielen." Ein Beispiel sei Potsdam. Zwar hat die Hauptstadt Brandenburgs den Status Weltkulturerbe noch, den sie 1990 der Schlösser und des Parks von Sanssouci wegen verliehen bekam. Doch Potsdam drohte zwischenzeitlich die Aufnahme in die sogenannte Rote Liste. In dieser sind gefährdete Welterbestätten aufgeführt. Dabei handelt es sich um Stätten oder Orte, die durch Natur- und sonstige Katastrophen wie
städtebauliche Vorhaben oder private Großvorhaben ernsthaft bedroht sind. "Grund war ein Bau am Bahnhof, das Potsdam-Center", sagt Precht. Der Experte rät im Falle Lübecks, alle örtlichen Gruppen einzubeziehen und möglichst im Konsens zu entscheiden.

Die Gegner der geplanten Entwürfe fordern diese Beteiligung. "5 vor 12 - Rettet den Markt" setzt sich aus dem SPD-Ortsverein Altstadt, dem Kuratorium St.Petri und der Bürger-
initiative Rettet Lübeck (BIRL) zusammen. So kritisiert Gunhild Duske, ehemaliges SPD-Mitglied der Bürgerschaft: "So wie die Bürgerbeteiligung im §3 des Baugesetzbuches vorgeschrieben ist, hat sie nicht stattgefunden." Die Bürgervertretung solle über die Gestaltung und die Nutzung des Markts bestimmen.

Die beiden großen Fraktionen in der Bürgerschaft hingegen sehen keinen Anlaß, sich weiter in die Diskussion einzubringen. Sie stehen hinter den Entwürfen des Düsseldorfer Architekten. "Die gestalterische Antwort ist richtig und wird durch den Spannungsbogen von Tradition und Moderne zu einer Aufwertung des Marktes und vor allem auch des Rathauses beitragen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Gabriele Hiller-Ohm (SPD) und Klaus Puschaddel (CDU). Auch die Kaufmannschaft begrüßt die Ansiedlung des Textil-Warenhauses Peek & Cloppenburg: Es bereichere den Branchenmix in der Innenstadt.

Bürgermeister Saxe will noch mit der Bürgerinitiative und Wirtschaftsverbänden sprechen, bevor er eine Entscheidung fällt. Wie die auch aussehen wird: Die Engagierten von "5 vor 12 - Rettet Lübeck" wollen nicht klein beigeben. Sie sammeln weiterhin Unterschriften - rund 1500 haben sie bereits. Zudem lassen sie derzeit das Verfahren juristisch prüfen.

"Kreuzpunkt"

Stummer Protest findet sich in den nächsten Wochen auf dem Markt. Der Künstler Guillermo Steinbrüggen hatte zu der Protestveranstaltung am Mittwoch das Werk "Kreuzpunkt" geschaffen. Die elf Kreuze aus Baumstämmen symbolisieren den Markt als Ort der Begegnung und stehen für "5 vor 12".

An der Veranstaltung beteiligten sich neben Engholm noch Pastor Günter Harig und Professor Ulrich Nieschalk von der Fachhochschule. Auch zahlreiche Bürger ergriffen Wort.

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