Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 24. Juli 2001

Leben in Deutschland

Zu: "Reise in die Vergangenheit". SZ vom 3. Juli 2001

"Keiner hat mich schlecht behandelt", sagt Maria Shavrid - fehlt nur noch: "Am liebsten wäre ich geblieben."

Das würde sich mit meinen Erfahrungen decken. Ich wohnte während des Krieges mit meinen Eltern auf dem Flugplatz. Einmal in der Woche kamen Polinnen und wirkten im Garten. Meine Mutter lud sie zu Kaffee und Klöben ein. Es waren keine Studenten der Germanistik, aber sie waren begierig, Deutsch zu lernen. Wir sind dann, mein Vater war in Gefangenschaft, umgezogen in die Tannenkoppel 3. Die halbfertige Finnlandsiedlung war damals Polenlager. Dort trafen wir auf der Straße zwei von unseren Frauen, die uns nun mit vielem versorgten, was wir nicht hatten.

Sie baten uns, bei uns wohnen zu dürfen. Wie sollte das gehen? Ich war damals 15 Jahre alt und wir hatten eine Zwei-Zimmer-Wohnung und ich hatte noch zwei jüngere Geschwister durchzubringen.

Vielleicht hätte man noch einmal zu dem Stadtkommandanten gehen sollen, er hatte uns die Genehmigung zum Betreten des Flugplatzes gegeben und vielleicht hätte er uns auch die Genehmigung zur Adoption von zwei Polinnen gegeben.

Der Gedanke fasziniert mich heute, ich hätte zwei ältere Schwestern. Sie wären heute über 75 Jahre alt. Damals hatten sie mir geholfen, einen Knick, der quer durch den Garten lief, zu beseitigen. Erstaunlich ist, daß nach der Niederlage diese Menschen ein Leben in Deutschland immer noch attraktiver fanden als in ihrer Heimat.

Uwe Vogt, Lübeck

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