Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 10. März 1998

Lübeck braucht eine Drogenambulanz

Zu: "Wer den Affen kriegt, tut alles für ein Briefchen". SZ vom 24. Februar

Mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag zur Drogenszene in Lübeck gelesen.

Die Bürgerinnen erfahren in Ihrem Beitrag, daß es Abhängigen harter Drogen fast unmöglich ist, allein ohne Hilfe der Sucht und dem damit verbundenen zwangsweisen "anderen" häufig menschenunwürdigen Lebensstil zu entfliehen. Die genannten Lösungsansätze: Streetwork, Beratung, Therapie, Prävention der AWO-Drogenhilfe Lübeck haben deshalb in unserer Stadt einen besonders hohen Stellenwert und sollten daher von der Kommune finanziell und personell stärker gefördert werden. Bei den Abhängigen handelt es sich schließlich auch um Lübecker BürgerInnen. Allerdings ist ein "Gesundheitsraum" nicht vergleichbar mit den Möglichkeiten einer Drogenambulanz.

Ein heroinabhängiger Mensch hat aber ohne das Angebot eines ärztlich und psychosozial betreuten medikamentengestützten Therapiekonzeptes normalerweise keine Chance, in ein selbstbestimmtes kreatives Alltagsleben zurückzukehren. Man muß wissen, daß Heroinabhängige Tag und Nacht alle acht Stunden ihren "Stoff" brauchen, um nicht in einen manchmal lebensgefährlichen Entzug zu geraten. Die Möglichkeit, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, besteht in dieser Situation nicht. Aufgrund dieser Gegebenheiten ist die Integration der Drogenabhängigen in das Arbeitsleben ohne das Angebot eines medikamentengestützten Therapiekonzeptes (MTK) nicht möglich.

Eine ärztlich überwachte Substitution mit Methadon zum Beispiel ist nur einmal am Tag erforderlich und würde Abhängige vom Beschaffungsdruck, alle acht Stunden Heroin zur Verfügung zu haben, befreien. Damit würden auch die damit verbundene Prostitution und Beschaffungskriminalität verschwinden. Die häufig sehnlichst gewünschte Rückkehr in ein geregeltes Arbeitsleben wäre aber erst dadurch möglich. Zusätzlich hätte der drogenabhängige Mensch die Möglichkeit des Entzuges von der Droge, also die Chance, unter ärztlicher und psychosozialer Betreuung clean zu werden. Das geht aber nur im Rahmen eines ärztlich und psychosozial betreuten MTK wie in einer in Lübeck dringend einzurichtenden Drogenambulanz. Eine solche Drogen- ambulanz ist unter dem Aspekt der Therapie und als Ausstiegsmöglichkeit von der Droge zu sehen. Diese Einrichtung hat daher einen wesentlich höheren Stellenwert als "Gesundheitsräume" (Fixerstuben, Druckräume), die dennoch ihren wichtigen Zweck - wie im Artikel beschrieben - erfüllen und neben einer Drogenambulanz bestehen bleiben müssen.

In den USA gibt es seit Jahrzehnten erfolgreiche Methadon-Programme. In Kiel gibt es eine ärztlich betreute Drogenambulanz mit psychosozialer Begleittherapie, die schon seit sechs Jahren erfolgreich arbeitet. In Lübeck ist eine solche Einrichtung seit langem überfällig! Wir haben in Lübeck aber als Voraussetzung für die Einrichtung einer solchen Drogenambulanz bereits die dazu erforderliche soziale und sozialpädagogische Kompetenz in den Personen der bisher engagiert tätigen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen.

Zusätzlich zu den im Beitrag genannten 1000 Drogenabhängigen in unserer Stadt wird in der näheren Zukunft ein weiteres nicht zu unterschätzendes Problem auf uns zukommen, denn ab Mitte dieses Jahres ist die Substitution mit der Ersatzdroge Codein nicht mehr zugelassen. Es ist daher zu erwarten, daß dadurch eine große Zahl der mit Codein - auch durch den niedergelassenen Arzt - Therapierten wieder zum harten Drogenkonsum gedrängt wird mit den Folgen der Prostitution und Beschaffungskriminalität. Um das zu verhindern und um diese Menschen aufzufangen, ihnen ein menschenwürdiges Leben und eine Therapie zu ermöglichen auch mit der Chance der Integration ins Arbeitsleben, braucht Lübeck endlich eine Drogenambulanz, eine Einrichtung, wie sie in anderen Städten bereits selbstverständlich ist.

Die zu wählenden PolitikerInnen sind hier aufgerufen, alles zu unternehmen, um ihrer Aufgabe der Daseinsfürsorge für alle BürgerInnen - auch drogenabhängige - nachzukommen. Es könnten doch auch ihre Kinder betroffen sein. Daher braucht unsere Stadt eine Drogenambulanz, wenn Lübeck das Ziel einer zukunftsorientierten gesunden Stadt verfolgt! Stichwortartige Zusammenfassung: Was spricht für eine Drogenambulanz

1. Es handelt sich um ein ärztlich betreutes medikamentengestütztes Therapiekonzept (MTK) mit psychosozialer Begleittherapie.

2. Die Integration ins Arbeitsleben durch Substitutionstherapie (MTK) wird möglich.

3. Chance, von der Droge durch Entzug über MTK wegzukommen

4. Die Distanzierung aus der Drogen-szene wird möglich.

5. Reduzierte Nachfrage nach "harten" Drogen

6. Rückgang der Prostitution aus Beschaffungsgründen

7. Rückgang der Beschaffungskriminalität

8. Vermeidung von Infektionskrankheiten

9. Soziale Integration - menschenwürdiges Leben wird möglich.

Dr. Hartmut F. Seibert, Lübec

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