Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 04. September 2001

Flucht über die Ostsee

Ausstellung macht bis März im Kulturforum Burgkloster Station

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Christine Vogt-Müller beim Aufbau der Ausstellung im Burgkloster ; Foto: N. Neubauer

"Zwänge, FDJ, Partei - ich wollte immer raus, fühlte mich in der DDRgefangen", sagt Christine Vogt-Müller. Heute ist dieDDR Geschichte. Christine Vogt-Müller lebt seit zwölf Jahren in Westdeutschland, ist in Lübeck, auf dem Priwall in Travemünde längst heimisch geworden. Dennoch. Die deutsch/deutsche Geschichte ist auch Teil ihrer Lebensgeschichte und läßt sie nicht los. Die ehemalige DDR-Bürgerin, die Mitte der 80er Jahre versucht hatte in den Westen zu fliehen, konzipierte die Ausstellung "Über die Ostsee in die Freiheit", die am Sonntag im Burgkloster eröffnet wurde. Christine Vogt-Müller stellt darin Flüchtlingsschicksale dar.

Rotlichtbestrahlung

In Blankenburg ist die 46jährige aufgewachsen, studierte in Halle in den 70er Jahren Chemie und Mathematik. "Ich wollte eigentlich Geschichte studieren, aber das war zu ideologiebehaftet. Also wählte ich Mathematik. Zwei mal zwei sind schließlich auch in der DDR vier."

Die Interessen des Staates sollten Vogt-Müller auch als Naturwissenschaftlerin schnell einholen. Als Lehrerin mußte sie am Parteilehrjahr teilnehmen, sich - obgleich sie kein Parteimitglied war - mit SED-Beschlüssen auseinandersetzen. "Die Seminare hatten zum Ziel, Lehrer auf Kurs zu bringen, auf Parteilinie einzuschwören", sagt sie. "Wir nannten das damals Rotlichtbestrahlung."

Als Christina Vogt-Müller dann 1980 ihre erstes Kind bekam, kehrte sie nicht mehr in den Schuldienst zurück. Sie bekam drei Jahre später ein zweites Kind, ging mit ihrer Familie nach Rostock. "Da habe ich dann im Schiffahrtsmuseum zunächst als Aufsichtskraft später dann als Museumspädagogin gearbeitet."

Der Wunsch, aus der DDRzu fliehen, begleitete sie in all den Jahren. Für sie und ihren Mann stand der Fluchtweg fest: über die Ostsee in die Freiheit. Schließlich sind beide Segler. Von Rostock aus war keine Flucht möglich, die junge Familie stand längst unter Beobachtung. Vogt-Müller hatte sich in der Friedensbewegung engagiert. "Deshalb bekamen wir keine PM 18." PM 18 war eine Genehmigung des Paß- und Meldewesens mit der DDR-Bürger auf dem Hoheitsgewässer der DDR segeln durften. Fehlanzeige für Vogt-Müller, sie durften nur auf dem Boddengewässer umherschippern.

1985 startete sie dennoch einen Fluchtversuch - von Polen aus. Die Kinder ließ das Paar bei den Eltern, reiste mit zwei Freunden nach Danzig, um ein Segelschiff zu chartern. "Wir wollten schauen, ob wir als DDR-Bürger von Polen aus auf der Ostsee segeln dürfen." Sie durften nicht. Zwar gelang es ihnen ein Schiff zu bekommen, doch weit kamen sie nicht. Am Hafen wurden sie abgefangen. Gefängnis, Verhöre folgten.

"Es sollte doch nur eine Probe zum Fluchtversuch sein. Einmal Bornholm und zurück." Hätte es geklappt, so der Plan, hätten sie es noch einmal mit den Kindern versucht.

Nach ein paar Tagen im Gefängnis wurde das Paar wieder freigelassen. Die DDR-Behörden konnten weder eine Fluchtvorbereitung noch einen Fluchtversuch nachweisen. Ein Jahr später stellte Vogt-Müller mit ihrer Familie einen Ausreiseantrag. Kurz vor dem Mauerfall, im Sommer 1989, durfte sie mit Mann und Kindern ausreisen.

Weil Segler eben Wasser brauchen und "Travemünde einfach toll ist", ließen sie sich dort nieder. Vogt-Müller arbeitete zunächst als freie Journalistin, kümmerte sich um Kinder und Haushalt. Doch ihr eigenes Schicksal ließ sie nicht los. Sie begann Akten in Archiven zu studieren, Kontakt zu Flüchtlingen aufzunehmen und brachte schließlich mit ihrem Ehemann das Buch "Über die Ostsee in die Freiheit" heraus. Vor neun Jahren war das. Inzwischen ist die 46jährige, die inzwischen auch ihren Wunsch,Geschichte zu studieren, realisiert hat, ausgesprochene Expertin in Sachen Flüchtlingsgeschichte. So hält sie etwa Vorträge und Vorlesungen zum Thema.

Seit fast zwei Jahren läuft ihre Ausstellung "Über die Ostsee in die Freiheit". Die erste Station war Schwerin, es folgten sechs weitere und nun ist sie in Lübeck zu sehen.

Über 2,6 Millionen Menschen waren seit Gründung der DDR über die offenen Sektorengrenzen in Berlin in den Westen geflohen. Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl sollten seit dem 13. August 1961 die Menschen dazu zwingen, im Land zu bleiben. Sie fanden aber immer wieder Wege aus dem "Arbeiter und Bauern-Staat". Über die Ostsee versuchten rund 7000 Menschen zu fliehen, 913 ist es gelungen, rund 4549 wurden festgenommen und 174 starben seit 1961 bei dem Versuch über die Ostsee zu fliehen.

Die Ausstellung gibt Einblicke in das Überwachungssystem der Seegrenze, zeigt, wie die 6. Grenzbrigade Küste mit der Staatssicherheit, dem Zoll, der Polizei und Helfern zusammen arbeitete. Es werden Einzelschicksale von Flüchtlingen dargestellt und selbstgebaute Flüchtlingsutensilien wie Surfbretter, Aquascooter und Paddelboote präsentiert. Informationstafeln und Karten liefern Fakten. Die Ausstellung im Burgkloster ist bis zum 17. März 2002 dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, zu sehen.

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