Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 04. September 2001

Kultisches und Magisches

Faszination Mittelalter: Funde fürs Museum - Serie: Teil 4

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Der Kessel ist noch bis zum 23. September im Rathaus zu sehen.; Foto: Bereich Archäologie

Heute mögen uns die metallenen Kochtöpfe kaum der Rede Wert erscheinen, doch läßt sich aus mittelalterlichen Schriftquellen erschließen, daß die Menschen sie damals als wertvollen Besitz betrachteten. Ausgegraben werden sie hingegen nur sehr selten, denn aufgrund ihres Metallwertes wanderten unbrauchbar gewordene Gefäße in den Schmelztiegel und beschädigte wurden vom Kesselflicker repariert.

Wenn dennoch einzelne Gefäße erhalten sind, so verdanken wir dies meist Katastrophen wie etwa einem Schiffsuntergang, einem Brand oder einem sonstigen überraschend hereinbrechenden Unglück. So verhält es sich wohl auch mit einem Stück, das 1997 bei Ausgrabungen im Keller des Hauses Meng-straße 31 gefunden wurde und nun ausgestellt wird.

Intakter Kessel

Der Kessel lag im Eingangsbereich eines im frühen 13. Jahrhundert abgebrannten Holzhauses. Da er fast völlig intakt war, ist eher auszuschließen, daß man ihn absichtlich entsorgt hat. Vielmehr drängt sich auf, daß der Kessel im Chaos der Brandkatastrophe die Kellertreppe hinabrollte und von dem nachstürzenden Brandschutt begraben wurde.

Seinen ursprünglichen Platz hatte er natürlich in der Küche, wo er an der Kesselkette oder dem Kesselhaken regulierbar über dem Feuer der Herdstelle aufgehängt war. Er diente dem Kochen von Fleisch, Fisch, Gemüsen und Suppen oder einfach dem Erhitzen von Wasser. Schriftlich erwähnt wird einmal auch ein Kessel: "... in dem man pflegt die Schüsseln zu waschen."

Daneben war der Kessel schon immer auch Ansatzpunkt mancher magischer Vorstellungen, die vermutlich mit der Heiligkeit und der Stellung des Herdfeuers im Ahnenkult und als Kultmittelpunkt des Hauses zusammenhängen. Bereits für die Bronzezeit ist dies zu belegen. Und der Kultkessel der Kelten ist sogar heute noch allgegenwärtig, zumindest bei Comic-Fans. So braut der Druide Miraculix in jeder Asterix-Folge in seinem Kessel einen Zaubertrank, der übermenschliche Kräfte verleiht.

Unschuldsbeweis

Aber auch im Rechtsdenken des Mittelalters und im Volksglauben bis in unsere Zeit hinein spielt der Kessel eine nicht unbedeutende Rolle: Zur Entscheidungsfindung in Strafprozessen nennt der Sachsenspiegel, das ist das berühmteste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters, unter anderem den "Kesselfang": Der Beklagte mußte dazu in einen Kessel mit siedendem Wasser fassen. Heilten die dabei entstandenen Verletzungen problemlos ab, war das ein Unschuldsbeweis. Die sogenannten Kesselbräuche werden als älteste Form der Gottesurteile angesehen.

Weiterhin wird in vielen Märchen und Sagen erzählt, daß man sich vor drohenden Gewalten unter einen Kessel flüchtet.

Noch im 17. Jahrhundert galt ein vor einem Dorf vergrabener Kessel als Helfer gegen die Pest, und in Oldenburg vertrieb man Kopfgrind bei Kindern, wenn man ein rotes Tuch, das das kranke Kind trug, auf den Kesselhaken hängte, damit der Grind vertrockne.

Hingegen galt es für Kinder als sehr gefährlich, mit dem Kessel zu spielen, denn man glaubte, er würde den Blitz herbeilocken. Auch soll noch heute der Glaube verbreitet sein, daß Hexen in großen Kesseln das Wetter, vor allem Hagelwetter, sieden.

Und Sie haben sicher auch schon davon gehört, daß am Ende eines jeden Regenbogens ein Kessel mit Gold vergraben ist.

Ingrid Schalies, Bereich Archäologie

Am 19. Oktober 2000 hat die Bürgerschaft beschlossen, im Beichthaus des Burgklosters ein Archäologisches Museum einzurichten. Für die Sanierung des Gebäudes waren bereits vorher insgesamt 3,2 Millionen Mark bei der Possehlstiftung, bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und über Städtebauförderungsmittel eingeworben worden, so daß der städtische Haushalt nicht belastet werden muß.

Das Archäologische Museum soll mit einer Sonderausstellung im Herbst 2002 eröffnet werden.

Zur Einstimmung und Vorbereitung wird der Bereich Archäologie in der Stadtzeitung ausgesuchte Funde oder Fundgruppen vorstellen - und zwar jeweils in der letzten Ausgabe des Monats. Der erste Teil wurde Ende Mai veröffentlicht.

Die Funde werden immer in Form einer kleinen Ausstellung im Foyer des Rathauses zu sehen sein. Diesmal ist der Fund vom 25. August bis zum 23. September 2001 ausgestellt.

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