Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 02. Oktober 2001

Eichenbohlen im Moor

Befestigter Weg aus dem 9. Jahrhundert entdeckt - Ausstellung im Beichthaus

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Auf 1000 Jahre alten Bohlen: Joachim Stark und Alfred Falk; Foto: C. Kautz

Teilweise nur 17 Zentimeter lag der sensationelle Fund unter der Oberfläche, trotzdem blieb er über Jahrhunderte unentdeckt. Im Klempauer Moor, auf der Trasse der künftigen Autobahn A20, stießen Archäologen auf einen Bohlenweg aus dem 9. Jahrhundert.

Die Fundstelle liegt in einer morastigen Senke hinter einem Maisfeld, ist fast unzugänglich.

Seit gut zwei Monaten wird auf dem Moorgelände unter schwierigen Bedingungen gegraben. Jeden Morgen muß die Fundstelle mit einer Motorpumpe freigepumpt werden, sonst stünde das Wasser den Archäologen bei der Arbeit bis zu den Knien.

Inzwischen ist der Bohlenweg auf einer Länge von etlichen Metern an mehreren Stellen freigelegt, zieht sich schnurgerade durch das Moor.

Folgt der Blick dem freigelegten Teil des Weges, so weist dessen Richtung auf einen Hügel, auf dem - zwischen Landgraben und Klempau- im 9.Jahrhundert eine Slawenburg lag.

Diese Burg wurde in den 70er Jahren entdeckt. Auf Luftbildern zeichneten sich zwei dunkle Ringe in einem Feld ab, die Wälle der Burganlage.

Verbindung zur Burg

Der entdeckte Bohlenweg stellt die kürzeste Verbindung über das Moor zum unmittelbar südlich gelegenen slawischen Burgwall dar, der nach den bisher vorliegenden Funden in das ausgehende achte und neunte Jahrhundert gestellt wird. Da die Eichenhölzer der oberen Lage des Bohlenweges nach ersten dendrochronologischen Datierungen in den Jahren um 856 gefällt wurden, kann es sich nur um den Zugang zur Burg handeln, von der nur wenige Überreste - Brandspuren und verkohlte Reste, Keramik - gefunden wurden.

Das ostholsteinische Gebiet, das bis zum 5./6. Jahrhundert von den nach Britannien ausgewanderten Germanenstämmen der Angeln und Sachsen beherrscht wurde, blieb bis zur Besiedlung durch die heidnischen slawischen Stämme der Polaben und Wagrier im 8. Jahrhundert fast menschenleer. Zwischen ihrem Siedlungsgebiet und dem der bereits christianisierten Sachsenstämme der Holsten, Stormarner und Dithmarscher verlief auf der Linie Kiel-Oldesloe-Lauenburg eine Grenze, der "Limes Saxoniae". Jahrhundertelang bildete dieser die Glaubensgrenze zwischen Sachsen und Slawen.

Im Bereich des Landgrabens vermuten die Archäologen noch eine Brückenkonstruktion.

Über 180 Metern lang ist der Bohlenweg und besteht aus - durch das Moor hervorragend konservierten - Eichenbohlen, die eine noch heute begehbare, zwei Meter breite Deckschicht bilden und zum Seiten- und Unterbau der Holzkonstruktion gehören. Da sich in größerer Tiefe weitere massive Bohlen - die bis zu vier Meter breit sind - finden, kann mit mehreren übereinander liegenden Wegezügen gerechnet werden.

Suche geht weiter

Interessant wird es, den Bereich links und rechts des Weges zu durchsuchen. Das Moor konserviert organische Stoffe hervorragend. Kleidung oder auch andere Funde, vielleicht einen beschädigten Wagen, der einfach ins Moor gekippt wurde, könnten sich die Archäologen vorstellen.

Rätselhaft:Bisher fanden sich zu beiden Seiten des Weges nur Keramikfragmente und Steingutstücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert, nicht aber ältere Fundstücke. Es scheint, als sei der Weg für viele hundert Jahre in Vergessenheit geraten und erst seit dem 18. Jahrhundert wieder benutzt worden. Durch den Bau der A 20 werden auf dem Gebiet der Hansestadt Lübeck eine größere Anzahl archäologischer Fundstellen akut bedroht. Um diese zum Teil einzigartigen historischen Quellen einer schriftlosen Vergangenheit vor der unrettbaren Zerstörung zu bewahren, begleitet der Bereich Archäologie der Hansestadt Lübeck den Autobahnbau schon im Vorfeld durch archäologische Ausgrabungen.

Dabei war der Weg eigentlich schon viel früher "entdeckt" worden. Vermutlich im 17. oder 18. Jahrhundert stellten Bauern oder Anwohner fest, daß es einen sicheren Weg durch das Moor gab und markierten diese Stelle. Noch heute stehen die zwei Pfähle auf der Wiese - genau dort, wo die Archäologen jetzt den Bohlenweg entdeckten. Was mit dem Fund geschehen wird, ist noch nicht entschieden. Manfred Gläser, Leiter des Bereichs Archäologie:"Wir wollen versuchen einen Teil, etwa fünf oder sechs Meter zu bergen. Vor Schwierigkeiten wird uns die Konservierung stellen. Schön wäre es, einen Teil im geplanten archäologischen Museum im Burgkloster nach der Fertigstellung des Beichthauses ausstellen zu können."

Für den Bau des Weges wurde Weichholz verwendet, wie es in dieser Gegend vorkommt:Erle, Birke. Als Decklage wurden schwere Eichenbohlen paßgenau zugesägt und eingesetzt.

Für den Bau des 180 Meter langen Weges sind etwa 100 Eichen gefällt worden, haben die Archäologen ausgerechnet: der gesamte Baumbestand eines Hektars.

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