Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 27. November 2001

Frauen, die entsorgen

Zwei Frauen der Entsorgungsbetriebe spüren Verstopfungen in Leitungen auf

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Blick in die Tiefe: Das Team von Sandra Röding sieht zu, damit es läuft im Kanal; Fotos: N. Neubauer

Sie ist eine Frau und kennt sich bestens aus mit technischen Dingen: Sandra Röding sitzt in ihrem mobilen Hightech-Büro, drei Monitore im Blick, füttert den Computer mit Daten, hackt Befehle in die Tastatur, um die Kamera, die zweieinhalb Meter unter der Erde installiert ist, durch eine Leitung rauschen zu lassen.

Sandra Röding ist als Bautechnikerin bei den Entsorgungsbetrieben der Hansestadt Lübeck angestellt. Die 26jährige zierliche Person arbeitet im Bereich Kanalnetzbetrieb und ist Herrin des einzigen Kanalrohrfernseh-Inspektionswagens der Entsorgungsbetriebe - ein mit modernster Technik vollgepropfter Kleinbus. Zusammen mit Kraftfahrerin Renate Sindt spürt sie die Ursachen für verstopfte Leitungen im Kanalnetz der Hansestadt auf.

An diesem Morgen sind die beiden Frauen in den Stadtteil Marli aufgebrochen, um bestimmte Schächte und Leitungen zu kontrollieren. "Hier läuft's nicht so wie es sollte", sagt Röding. "Wir schauen nach, woran das liegt."

Der Dienst der beiden Frauen hatte um sechs Uhr morgens mit der Sichtung von Plänen und anderer Büroarbeit begonnen. Wo sind welche Schächte, wo führen welche Leitungen entlang und wo gibt es Abzweigungen? Liegen den Entsorgungsbetrieben Videos des Kanalnetzes vor, sichtet Röding auch die vor einem Einsatz.

Um zehn Uhr trifft das Frauenteam samt TV-Wagen in Marli ein, wo zwei Kollegen mit ihrem Spülwagen warten. Mit ihrer riesigen Pumpe auf Rädern leisten sie die Vorarbeit für die beiden Frauen: Spülen einmal durch, um die Kanäle für die Kamera frei zu machen. Es zischt, Laub wird aus dem Schacht in die Höhen gewirbelt, Wasserspritzer und plötzlich läuft's wieder. Modrig und abgestanden stinkt die Brühe in der Tiefe, Brocken schwimmen darin. "Das ist Fett", sagt Röding und zeigt auf eine Kneipe in der Nähe. "Wir haben den Verdacht, daß dort das Küchenfett nicht ordnungsgemäß aufgefangen wird und so in die Kanalisation gerät." Die Backstein großen Fettbrocken verstopfen Leitungen und richten in der Kläranlage Schaden an, denn sie beeinträchtigen das Bakteriengemisch, das die Abwässer reinigt.

Sindt und Röding sind nicht die einzigen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts bei den Entsorgungsbetrieben. In dem städtischen Eigenbetrieb sind derzeit 537 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt, davon 36 Frauen. Das Gros von ihnen arbeitet in der Verwaltung, sechs Frauen sind in technischen Bereichen tätig: Renate Sindt und Sandra Röding, die im Kanalnetzbetrieb tätig sind, sind zwei von ihnen.

Erste Frauen in den 90ern

Zudem gibt es drei Müllwerkerinnen und eine Ver- und Entsorgerin. Hinzukommen noch eine Kfz-Mechanikerin und eine Ver- und Entsorgerin in der Ausbildung. Ein schwindend geringer Frauenanteil zwar, dennoch: Das weibliche Geschlecht ist in diesem von Männern dominierten Bereich auf dem Vormarsch. Vor zehn Jahren hat es hier nicht eine Frau gegeben. Erst in den 90er Jahren hielten Frauen Einzug.

Die Kollegen sind mit ihrem Spülwagen abgezogen, Renate Sindt plaziert den TV-Wagen. Sie ist die Frau fürs Grobe. Die 46jährige wuchtet 60-Kilogramm schwere Gullideckel zur Seite, baut Räder an die Kamera, bedient den Kran, an dem sie ins Kanalnetz hinunter gelassen wird. "Alles klar. Kann losgehen", sagt sie zu Sandra Röding, die in ihrem mobilen Büro sitzt. Die beiden Frauen kommunizieren über eine Lautsprecheranlage.

Die Fahrt durch die Unterwelt beginnt. Das Rohr, das gerade mal einen Durchmesser von 25 Zentimetern hat, wirkt auf dem Bildschirm von Röding wie ein riesiger Tunnel. Dunkel, kalt und naß ist es hier unten. Aber von Dreck, Fett, Ablagerungen keine Spur. Plötzlich ist das Bild weg. Eine Abwasserwelle hat das Ding erwischt. "Es dauert einen Moment, dann ist sie wieder trocken", sagt Röding. Doch in der Welle, die über die wasserdichte Kamera schwappte, war mehr als nur Wasser. "Renate, es hat keinen Zweck. Hol' die Kamera hoch, da hängt Fett vor." Renate holt sie heraus, putzt sie und das gleiche Spiel beginnt von vorn. Mit zwei bis zehn Zentimetern pro Sekunde fährt die Kamera 35 Meter durch die Röhre bis zum nächsten Schacht. "Es ist nichts zu sehen, die Leitung ist frei. Möglich, daß der Spülwagen die gesamten Ablagerungen rausgeschwemmt hat", sagt Röding. Auch die Überprüfung des Hausanschlusses, der Leitung von Kneipe zum Schacht, mit einer kleineren Kamera gibt keine brauchbaren Beweise dafür, daß das Fett von der Kneipe stammt. "Da kann man nichts machen", sagt Röding. Zumindest läuft es jetzt wieder auf Marli.

Kampf um Anerkennung

Seit gut einem Jahr ist Renate Sindt als Maschinisten-Kraftfahrerin bei den Entsorgungsbetrieben. Ihre Kollegin und Vorgesetzte, Sandra Röding, ist erst seit drei Monaten dabei. An einer Fachschule in Hamburg machte sie die Ausbildung zur Umwelttechnikerin, arbeitete im Anschluß in Osterholz-Scharmbeck und kehrte schließlich nach Lübeck zurück, wo sie mit ihrem Mann lebt. "Technische Dinge interessieren mich", sagt sie. Daß dieser Bereich eher eine Männerdomäne ist, war ihr gleichgültig. "Ich wollte einen Beruf, der vielfältig ist."

Eine Kehrseite hat ihr Traumjob aber doch. "Der Arbeitsalltag ist jeden Tag ein Kampf", sagt Röding. Ein Kampf um Anerkennung, ein Kampf um Durchsetzung. Gerade zu Beginn, als sie im September bei den Entsorgungsbetrieben anfing, mußte sie sich ihren Stand erobern. "Hier herrscht natürlich ein härterer Umgangston, da muß man sich anpassen können." Nett seien die Kollegen, doch wer ein herzliches Miteinander brauche, sei in diesem Bereich fehl am Platze.

Sechs Frauen in technischen Bereichen der Entsorgungsbetriebe ist ein Anfang, meint Jürgen Held, Technischer Direktor der Entsorgungsbetriebe. "Es kann nur noch besser werden." Er geht davon aus, daß der Anteil in den nächsten Jahren steigen wird.

Frage der Zeit

"Je mehr Frauen sich in diesem Bereich qualifizieren, um so höher wird der Anteil bei uns. Es ist nur eine Frage der Zeit", sagt er optimistisch. Im Bürobereich gehe diese Entwicklung schneller vonstatten. Skeptisch ist er allerdings bei den Lohnempfängerinnen. "Diese schwere, schmutzige Arbeit findet bei den Frauen weniger Zuspruch."

Im Herbst stellt der städtische Betrieb wieder vier Mitarbeiter ein. Vielleicht werden es diesmal ja zwei Ver- und Entsorgerinnen und zwei Kfz-Mechanikerinnen sein.

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