Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 07. Mai 2002

Wo hört der Spaß auf?

Projekt zu sexualisierter Gewalt - Verwaltung will Zuschüsse kürzen

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Thomas Lindenberg und Sandra Albert führen Mädchen und Jungen spielerisch an das Thema sexualisierte Gewalt heran.; Foto:N. Neubauer

Bisher hat der "Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen" ausschließlich auf Arbeit mit dem weiblichen Geschlecht gesetzt. Mit dem Präventionsprojekt "Wo hört der Spaß auf? Umgang mit sexualisierter Gewalt" betritt der Verein Neuland: Es bezieht beide Geschlechter ein. Doch schon bald könnte es vorbei sein mit dem kaum begonnenen Projekt, denn die Höhe städtischer Zuschüsse an Frauenprojekte steht derzeit in Frage - und damit ist es fraglich, ob der Notruf auch künftig solche Angebote macht.

Doch zunächst zum Projekt. Die Sozialpädagoginnen Sandra Albert und Karina Lück, beide vom Notruf, Diplom-Psychologe Torsten Joel und Sozialpädagoge Thomas Lindenberg leiten "Wo hört der Spaß auf?" An insgesamt sechs Tagen bis zum Ende des Schuljahres arbeitet das Team mit Schülern und Schülerinnen verschiedener Schulen, um sie für das Thema zu sensibilisieren und um letztlich sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Getrennter Unterricht

"Es ist wichtig, daß Mädchen und Jungen lernen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu achten. Darin wollen wir sie mit unserer Arbeit unterstützen", erläutert Sandra Albert den Hintergrund. Ziel ist, Selbstvertrauen und Handlungskompetenz im Umgang mit sexualisierter Gewalt zu stärken.

Der Unterricht findet nicht wie üblich in der Schule statt, sondern im Jugendzentrum Burgtor, zudem wird die jeweilige Klasse nach Geschlechtern getrennt. Eine wichtige Voraussetzung, denn, so meint die Pädagogin, "dann sind die Jugendlichen offener". Kollege Thomas Lindenberg, zuständig für die "Jungenarbeit", sieht das genauso: "Sind Mädchen und Jungen gemischt, wollen Jungen etwas darstellen."

Nur die erste und letzte halbe Stunde des Vormittags verbringen die Jugendlichen gemeinsam. Dazwischen diskutieren die Jungen zum Beispiel eine Geschichte über einen sexuellen Übergriff und reden: Darüber, wie sie sich selber und wie sie andere sehen, sie arbeiten zu Rollen, Erwartungen und Konflikten. "Wir wollen Jungen spielerisch an das Thema heranführen und sie nicht gleich verschrecken", sagt Lindenberg. Keiner soll sich fühlen, als werde er an den Pranger gestellt.

Kriminalpräventiver Rat

Die Mädchen ihrerseits arbeiten zu Liebe und Treue, zu Grenzen und Selbstbestimmung. Sie gehen Alltagssituationen durch und tasten sich so an die Frage heran, wann etwas Gewalt ist und wann nicht. Zum Schluß eines solchen Tages tragen die Heranwachsenden zusammen, was sie sich jeweils vom anderen Geschlecht wünschen.

Drei solcher Projekttage hat das Team bisher an Lübecker Schulen durchgeführt, drei weitere folgen. Ob das "Wann hört der Spaß auf?" über das laufende Schuljahr hinausgeht, hängt von den Finanzen ab. Die Kosten haben bisher der Kriminalpräventive Rat (3000 Mark) sowie der Notruf übernommen. Die Unterstützung des Kriminalpräventiven Rates fällt weg, da dieser lediglich eine Anschubfinanzierung übernahm. Geld ist zwar beim Land beantragt, aber noch nicht bewilligt. Außerdem muß der Notruf neben anderen Einrichtungen fürchten, daß die städtischen Zuschüsse künftig geringer ausfallen.

Zwar sind diese Mittel im Doppelhaushalt 2002/2003 festgelegt. Doch die Verwaltung will für Frauenprojekte die Budgetierung einführen, denn die hatte die Bürgerschaft für freie Träger beschlossen. Für den Notruf hieße das, daß die städtischen Mittel um fast ein Fünftel geringer ausfielen. "An Sachkosten können wir schon lange nicht mehr sparen. Nur am Personal", sagt Sandra Albert. "Die Stelle für Präventionsarbeit würde wegfallen."

Bei der vergangenen Bürgerschaftssitzung im April vertagten die Mitglieder das Thema. Die Stimmung in den Parteien in punkto Frauenprojekte stimmt jedoch optimistisch. Die Grünen, sie hatten in der Bürgerschaft einen Antrag auf Fortsetzung der Verträge zwischen Hansestadt und Frauenprojekte eingebracht, machen sich für die Einrichtungen stark genauso wie die Sozial- und Christdemokraten.

"Nicht kaputtsparen"

"Das Problem stellt nicht die Budgetierung dar", heißt es dazu in einer Pressemitteilung von der frauenpolitischen Sprecherin der SPD, Gabriele Hiller-Ohm, und von dem SPD-Fraktionsvorsitzenden. "Sorgen bereitet die Berechnung. Es darf nicht sein, daß durch die von der Verwaltung vorgeschlagene Rasenmähermethode kleine Projekte, deren finanzieller Spielraum eh begrenzt ist, kaputtgespart werden." Adelheid Oldenburg, frauenpolitische Sprecherin der CDU, sieht das ähnlich: "In Zusammenhang mit der Budgetierung müssen wir uns mit jedem Projekt gezielt auseinandersetzen. Projekte, die gut laufen, sollten erhalten bleiben." Gerade solche, die sich mit der Gewalt gegen Frauen beschäftigten, halte sie für wichtig.

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