Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 14. Mai 2002

Thomas-Mann-Preis für Ortheil

Schriftsteller wird für erzählerisches und essayistisches Gesamtwerk geehrt

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Nimmt Anfang Juni den Thomas-Mann-Preis 2002 entgegen: Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil Foto: Mathias Michalis

Der zehnte Thomas-Mann-Preis geht an Hanns-Josef Ortheil:Der alle drei Jahre von der Hansestadt Lübeck verliehene Thomas-Mann-Preis wird Anfang Juni überreicht. Der 1951 in Köln geborene und in Stuttgart lebende Schriftsteller wird damit für sein bisheriges erzählerisches und essayistisches Gesamtwerk geehrt.

Gegenüber der Stadtzeitung sagte Ortheil, daß er sich sehr über die Auszeichnung freue. "Es gibt immer Preise, die einem näher liegen." Das sei beim Thomas-Mann-Preis sicherlich der Fall, denn "vom Gestus des Erzählens sehe ich mich in der Tradition von Thomas Mann."

Die Jury begründet ihre Entscheidung mit seinem "eigenständig-produktiven Werk, in dem sich Zeit- und Gesellschaftskritik mit Humor, hoher literarischer Sensibilität und anspielungsreicher Kritik paart." Weiter wird mit der Auszeichnung die überzeugende Verbindung von persönlichen Lebens-erfahrungen mit den politisch-sozialen Veränderungen in Deutschland gewürdigt. Ortheil hat neben Essays, literarischen Tagebüchern, Drehbüchern und Opernlibretti beginnend mit "Fermer" (1979) über zehn Romane geschrieben, für die er bereits mehrere Preise erhalten hat. Seine Künstlerromane zeichnen ihn als subtilen Kenner der europäischen Kulturgeschichte aus.

Seit 1975

Der renommierte Thomas-Mann-Preis wird auf Beschluß der Lübecker Bürgerschaft seit 1975 an Persönlichkeiten verliehen, "die sich durch ihr literarisches oder literaturwissenschaftliches Wirken ausge- zeichnet haben im Geiste der Humanität, die das Werk von Thomas Mann prägte".

Vor Ortheil erhielten den Preis Peter de Mendelssohn (1975), Uwe Johnson (1978), Joachim C. Fest (1981), Siegfried Lenz (1984), Marcel Reich-Ranicki (1987), Günter de Bruyn (1990), Hans Wysling (1993), Günter Grass (1996) und Ruth Klüger (1999).

Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird Hanns-Josef Ortheil am 9. Juni im Rahmen einer Feierstunde im historischen Scharbausaal der Stadtbibliothek verliehen. Die Laudatio hält der Augsburger Literaturwissenschaftler und Thomas-Mann-Experte Professor Dr. Helmut Koopmann.

Kurzbiographie:

Hanns-Josef Ortheil veröffentlichte bereits im Alter von acht Jahren seine ersten Erzählungen in Tageszeitungen. Er erhielt früh Klavierunterricht und setzte seine pianistische Ausbildung später als Schüler von Daniela Ballek und Claudio Arrau fort. In Wuppertal und dem Westerwald aufgewachsen, machte er sein Abitur 1970 in Mainz, von wo aus er für längere Zeit nach Rom ging. Dort finanzierte er sich sein pianistisches Studium als Organist an einer deutschen Kirche.

Nach dem krankheitsbedingten plötzlichen Abbruch seiner pianistischen Laufbahn begann er ein Studium der Musik- wissenschaften, Philosophie und Germanistik, das er 1976 in Mainz mit der Promotion abschloß. Von 1976 bis 1988 war er Assistent am Deutschen Institut der Mainzer Gutenberg-Universität. Danach wurde er immer wieder von Universitäten des In- und Auslandes eingeladen, um über Poetik und Literatur zu sprechen. So war er 1988 "writer in residence" an der Washington-University in St.Louis/USA und hielt 1993 und 1998 Poetik-Dozenturen an den Universitäten von Paderborn und Heidelberg.

Insgesamt fünf Jahre seines Lebens verbrachte Hanns-Josef Ortheil in Rom, zweimal war er Stipendiat der Villa Massimo. Seit 1982 lebt er in Stuttgart als freier Schriftsteller. Zudem ist er seit 1990 Dozent der Universität Hildesheim und leitet dort seit 1999 den von ihm konzipierten Diplomstudiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus". Dieser Studiengang ist in Deutschland einzigartig.

Mit seinem Roman "Fermer" debütierte er 1979, für den er mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet worden ist. Darin wird die Flucht eines desertierten Soldaten durch Nachkriegsdeutschland erzählt. Es folgten zahlreiche mit Preisen ausgezeichnete Romane und Erzählungen, unter anderem "Schwerenöter" (1987), "Agenten" (1989), "Abschied von den Kriegsteilnehmern" (1992), "Blauer Weg" (1996). Bei Luchterhand erschien die Roman-Trilogie "Faustinas Küsse" (1998), "Im Licht der Lagune" (1999) und "Die Nacht des Don Juan" (2000). Für diese Romane erhielt er den Brandenburger Literaturpreis.

Weitere Veröffentlichungen (Auswahl): 1982 "Mozart - im Innern seiner Sprachen"; 1983 "Hecke" (Roman); 1994 "Das Element des Elefanten. Wie mein Schreiben begann"; 2001 "Lo und Lu. Roman eines Vaters."

@: Weitere Informationen über den Autor im Internet:

http://www.kulturserver.de/home/rina/ortheil.html

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