Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 24. Juli 2019

Ausgabe vom 14. April 1998

IM GESPRÄCH

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Kleine Gruppierungen nehmen zu. Eberhard Arent ist Beauftragter für Sekten und Psychokulte der Hansestadt Lübeck; Foto: C. Przywara

SZ: Worin besteht Ihre Aufgabe als Sektenbeauftragter?

Arent: Ich sammele all das Material, was es zu diesem Thema gibt, werte es aus, informiere und kläre auf, halte Kontakt zu anderen Fachleuten, referiere bei Bedarf in Klassen oder Vereinen.

Wieviele Ratsuchende kommen jährlich zu Ihnen?

Ich bekomme etwa 50 schriftliche Anfragen vor allem aus Lübeck, aber auch aus dem Umland und dem ganzen Bundesgebiet. Ungefähr 400 Telefonate laufen im Jahr zu diesem Thema bei mir auf, und 20 Ratsuchende kommen persönlich zu mir.

Wieviele Gruppierungen gibt es derzeit?

In Amerika existieren etwa 3000 totalitäre Sekten, in Deutschland rund 600 Gruppierungen.

Haben sich nach Ihren Beobachtungen diese Gruppen vermehrt oder verringert?

Nach meiner Einschätzung hat es in den letzten Jahren eine Zunahme von kleinen, örtlich begrenzten Gruppen mit diffusen Programmen gegeben.

Woran machen Sie das fest?

Immer mehr fühlen sich berufen, der Menschheit zu helfen und entdecken, daß dies ein Markt ist, mit dem Geld zu machen ist. Dadurch bricht der Preismarkt zusammen. Das wird zum Beispiel bei Reiki-Kursen deutlich. Reiki bedeutet so viel wie universelle Lebenskraft, die durch einen Reiki-Meister weitergegeben werden kann. Der Preisverfall bedeutet vermutlich, daß es mehr Konkurrenz auf dem Esoterik-Markt gibt.

Kann ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen eine Ursache für einen größeren Zulauf bei den Sekten sein?

Da Sekten und Gruppierungen nie konkrete Mitgliederzahlen offenlegen, ist das schwer zu sagen. In persönlichen Lebenskrisen ist man auf jeden Fall gefährdeter, auf Gruppen hereinzufallen, die Gesundheit, Erfüllung und mehr Persönlichkeit oder Jobs, die viel Geld versprechen.

Wie können Sie denen, die in eine Sekte geraten sind, und deren Angehörigen helfen?

Meine Möglichkeiten zur aktiven Hilfe sind über die Beratungstätigkeit hinaus begrenzt. Außer mir ist der Jugendschutz in den Städten mit dem Thema Sekten befaßt, in Schleswig-Holstein gibt es noch die Dokumentationsstelle des Landes. Ein weiterer Ansprechpartner in Lübeck ist Pastor Detlef Bendrath von der Nordelbischen Kirche, der auch Selbsthilfegruppen organisiert.

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