Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 20. Dezember 2002

"Es fing so harmlos an"

"Guttempler" stellen sich vor - Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige

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Die Guttempler Gosbert Nebel und Ulf Schramm helfen Alkoholkranken; Foto: N. Neubauer

Gosbert Nebel, 63 Jahre, ist Modedesigner im Ruhestand. Ulf Schramm, 59 Jahre, ist ehemaliger Seemann und arbeitet als Verwaltungsangestellter. Die Biographien der beiden Männer könnten verschiedener nicht sein und dennoch haben die Männer einiges gemeinsam. Sie sind Alkoholiker und Mitglieder der Lübecker Guttempler.

Den "Orden der Guttempler" gründeten 1851 Männer und Frauen in den Vereinigten Staaten, um alkoholfrei zu leben und vor allem um alkoholkranken Frauen und Männern sowie deren Angehörigen zu helfen. "Der Name rührt noch aus der Tradition heraus. Mit Religion und Kirche haben wir nichts zu tun", sagt Gosbert Nebel. Zwar mag der Name konservativ klingen, doch sei er das ganz und gar nicht. Das Gegenteil sei der Fall: "Religion, Hautfarbe und Geschlecht spielten schon bei der Gründung in Amerika keine Rolle." Über England und Skandinavien kam der Verein schließlich nach Deutschland, wo sich um 1890 die ersten Gemeinschaften dem alkoholfreien Leben verschrieben. In Lübeck gibt es seit über hundert Jahren die Guttempler: 1897 gründeten Lübecker und Lübeckerinnnen die erste Gruppe, heute sind es rund 100 Guttempler. Die Männer und Frauen wollen alkoholfrei leben, weil sie oder ihre Angehörigen alkoholkrank sind oder einfach aus Überzeugung.

In Lübeck bieten die Guttempler sechs Selbsthilfegruppen an, die ihre Räume in der Beratungsstelle in der Kupferschmiedestraße 3-9 haben. Wer an einer dieser Gruppen teilnimmt, ist aber nicht zwangsläufig Guttempler. "Man muß nicht bei uns Mitglied werden, um Hilfe zu bekommen", sagt Ulf Schramm, der seit knapp zehn Jahren in der Gemeinschaft Mitglied ist und vor elf Jahren ersten Kontakt zu den Guttemplern hatte. "Bei der Seefahrt habe ich angefangen zu trinken", sagt Schramm. 30 Jahre habe er exzessiv gesoffen, irgendwann aber sei der Druck seiner Frau und seiner Arbeitgeber so stark gewesen, daß er aufhörte. "Ich entschloß mich, abstinent zu leben", sagt er.

Auch bei Gosbert Nebel fing die Sucht ganz schleichend an: "Ich bin da hineingeschlittert. Es fing so harmlos an." Der ehemalige Modedesigner erinnert sich, wie er versucht habe, mit Sekt und Wein Streß und Nervosität abzubauen. Im Laufe der Jahre reichte längst nicht mehr das eine oder andere Gläschen. "Ich brauchte immer mehr, um den gleichen Effekt zu erzielen." 20 Jahre ging das so. Bei Nebel war es auch der Arbeitgeber, der Druck auf seinen Angestellten ausübte und ihn schließlich dazu bewegte, mit dem Trinken aufzuhören. Über 16 Jahre lebt er nun schon abstinent.

SELBSTHILFE

In der Hansestadt Lübeck gibt es rund 170 Selbsthilfegruppen. Jeden ersten Montag im Monat (diesmal am zweiten Montag) bietet Irene Machmar von KISS (Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen, Gesundheits-amt) in der Bürgerinformation, Breite Straße 62, von 15 bis 17 Uhr eine Sprechstunde für Interessierte an, in der sich eine Gruppe vorstellt. Am Montag, 13. Januar, sind es die Lübecker Guttempler, die Selbsthilfegruppen für Alkoholiker anbieten.

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