Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 18. November 2018

Ausgabe vom 25. März 2003

Telefonüberwachung für eine Brücke

Meßdaten der Herrenbrücke per ISDN-Leitung zur TU Braunschweig

2690802.jpg
Die Lübecker Herrenbrücke;Foto: o.k. press

Mindestens einmal am Tag greift Dr. Karim Hariri in der Technischen Universität Braunschweig zum Telefon und ruft die Herrenbrücke in Lübeck an. Kein Scherz, auch wenn es sich dabei nicht um ein übliches Telefongespräch handelt.

Per ISDN-Leitung ruft der Physiker Meßdaten ab, die über mögliche Verformungen im Bereich der südlichen Vorlandbrücke (von Lübeck in Richtung Travemünde - den Brückenfeldern sieben und acht) Auskunft geben.

Seit Oktober 2000 betreut das Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz der TU die marode Klappbrücke, die erst im Jahre 1964 als "Pionierarbeit ohne Vorbilder" eingeweiht wurde. Bis zum Jahr 2005 muss die Brücke noch halten, erst dann wird der Tunnel unter der Trave fertig.

"Das wird sie wohl durchhalten", beruhigt Dr. Hariri, "allerdings darf es keine weiteren Schäden geben." Die Brückenfelder sieben und acht sind die sensibelsten Punkte der Brücke - ein Großteil der in den Betonrampen verlegten stählernen Spannglieder sind durch Korrision beschädigt. "Etwa 45 Prozent des Stahls haben Korrisionsbefall", erklärt der Physiker und beruft sich dabei auf ein Gutachten aus dem Jahr 2000. Ursache sind die beim Verpressen mit Beton verbliebenen Hohlräume entlang der Stahlstränge. "Es liegt nicht an der Konstruktion, sondern an der Ausführung der Bauarbeiten", sagt der Experte.

Weshalb nur dieser eine Bereich Schäden aufweist, haben auch die Mitarbeiter der TU nicht klären können. "Auffällig ist, dass die Schäden in den Bereichen der Pfeiler auftreten", sagt Dr. Hariri. 40 Sensoren hat die TU installiert, die Grenzwerte der Überwachung liegen im Millimeterbereich.

"Etwa 1,4 Millimeter bei Druckbelastung und 1,2 Millimeter im Zugbereich." Sollten diese Werte überschritten werden, würde die TU Braunschweig die Brücke sofort sperren lassen.

"Sollte es zu einer ireversiblen Verformung kommen, wissen wir, da muss etwas passiert sein." Eine mögliche Sperrung der Brücke wäre für die Lübecker Polizei allerdings eine Horrorvorstellung - "dann würde der gesamte Schwerlastverkehr durch die Stadt rollen", will sich ein Polizeisprecher diesen Fall erst gar nicht vorstellen. Der schlimmste Fall für die Brücke wäre, dass alle vier Fahrspuren gleichzeitig mit Lastwagen belastet würden, die im Stau stehen - eine Möglichkeit, die allerdings eher unwahrscheinlich ist.

"Die Vorlandbrücke würde zwar nicht einstürzen, sich aber nach einer Weile durchbiegen", erklärt Hariri.

Die Lastwagen sind es hauptsächlich, die der Brücke zu schaffen machen. Für die Herrenbrücke gilt - neben einer Geschwindigkeitsbegrenzung - eine Gewichtsbegrenzung von 40 Tonnen pro Lastwagen. Ein Wert, der nach Polizeiangaben durchschnittlich 30 mal am Tag überschritten wird.

Während einer Verkehrskontrolle vor einigen Tagen winkten die Beamten einen Brummifahrer an die Seite, der gerade mit 48 Tonnen über die Herrenbrücke gerollt war. "Wäre die Brücke neuwertig, läge die Begrenzung bei 60 Tonnen", sagt Dr. Karim Hariri.

Rund 40.000 Fahrzeuge rollen täglich über diese Verkehrsader; nach der Freigabe des Tunnelbauwerkes im Sommer 2005 soll die Brücke abgerissen werden. Ob die Verkehrsbelastung für den Tunnel ebenso hoch sein wird, bleibt fraglich.

Der Tunnel steht in Konkurrenz zur A 20 und zur Nordtangente, geschätzt wird nach derzeitigem Stand eine Tagesbelastung für den Tunnel zwischen 28.000 und 40.000 Fahrzeugen.Wenn der Tunnel fertig ist, wird er 30 Jahre lang von der Herrentunnel Lübeck GmbH betrieben.

Danach geht das Bauwerk in den Besitz der Hansestadt über, die dann auch für die bauliche Unterhaltung des Herrentunnels sorgen muss.

Möglicherweise über eine neue Betreibergesellschaft als städtische Tochter, oder - das will Diplom-Ingenieur Jörg Arndt, Geschäftsführer der Herrentunnel Lübeck GmbH, nicht ausschlies-sen, übernimmt seine Gesellschaft auch weiterhin diese Aufgabe. M.R.

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de