Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 29. April 2003

"Alternative": Vertrag läuft aus

Bürgerschaft will Ersatzstandort für Kulturzentrum - Kritik von SPD und Grüne

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Aus und Vorbei? - Der Mietvertrag für die Alternative endet in wenigen Monaten.; Foto: Neubauer

Hühner gackern, picken hier und da, das Lachen von Kindern ist zu hören, die irgendwo zwischen Bauwagen und Trecker spielen, aus der Tischlereiwerkstatt dröhnt Maschinenlärm - alles in Ordnung auf dem Gelände der "Alternative". Doch der Schein trügt. Im Kulturzentrum auf der Wallhalbinsel, auch Walli genannt, herrscht helle Aufregung: Die Entscheidung der Bürgerschaft will keiner hinnehmen. "Wir werden kämpfen", kündigt Stefan Wiedenhöft an.

Am vergangenen Donnerstag hat die CDU mit 26 Stimmen gegen die Stimmen der SPD, Grüne und FDP beschlossen, den Mietvertrag der Alternative, der am 28. Februar des kommenden Jahres abläuft, nicht zu verlängern. Stattdessen soll die Verwaltung einen Ersatzstandort suchen.

Dem Beschluß in der Bürgerschaft war eine heftige Debatte vorangegangen. "Die Alternative ist die letzte Institution in Lübeck, in der noch Subkultur vorhanden ist", sagte Jakob Laugs vom Sprecherrat des Jugendzentrums Burgtor. Auf der "Walli" setzten Jugendliche sich mit verschiedenen Gesinnungen auseinander, lernten Menschen verschiedener Kulturkreise und Nationen kennen. "Hier ist die freie Entfaltung der Persönlichkeit möglich." Lauq forderte, die Alternative auf dem Gelände neben der MuKzu erhalten, denn nur in einer solch zentralen Lage werde das Angebot des alternativen Kulturzentrums angenommen.

Oliver Fraederich, kulturpolitischer Sprecher der Christdemokraten, konterte mit Blick auf die finanzielle Lage der Hansestadt Lübeck: "Auch die Alternative muß ihren Beitrag leisten, den Haushalt zu konsolidieren." Das Grundstück sei aufgrund seiner zentralen Lage, der Nähe zum Bahnhofsviertel und zur Altstadt wertvoll. Es biete sich an, es den potentiellen Investoren, die derzeit für die Musik- und Kongreßhalle (MuK) und den Bau einer Mehrzweckhalle gesucht werden, als Ergänzung anzubieten.

José Maria Bernet (SPD) warf der CDU Aktionismus vor. "Der Antrag ist eine Mogelpackung." Einen adäquaten Ersatzstandort, ähnlich zentral gelegen, gebe es nicht. "Wenn sie die Alternative schließen, fallen Kompensationsräume für Jugendliche weg und werden zu Parkflächen degradiert", sagte Bernet. Auch Bernd Möller, der für die Grünen in der Stadtvertretung sitzt, setzte sich für das Kulturzentrum ein, es sei eine Bereicherung für die Jugend. Die Bewohner der Alternativen "engagieren sich ehrenamtlich zu einem günstigen Preis".

Die Alternative fördere unbekannte Musikgruppen und Künstler. "Zeigen Sie Größe und ziehen Sie Ihren Antrag zurück", lautete sein Appell an die Christdemokraten. Thomas Schalies von der FDPsetzte sich für eine Verlängerung des Mietvertrages um 18 Monate ein, "das wäre unschädlich in Bezug auf die Realisierung eines Messeprojektes". Frank-Thomas Gaulin, kulturpolitischer Sprecher der SPD, lobte die friedliche Koexistenz von MuK und Alternative. "Das gute Neben- und Miteinander haben viele Konservative nicht für möglich gehalten." Die zwei vordergründig entgegengesetzten Institutionen zeigten, daß es eine multikulturelle Gesellschaft gebe. Zwar räumte er ein, daß die Alternative nur einen geringen Obulus an Miete zahle, doch sie leiste hervorragende Jugendarbeit und erspare der Stadt so Ausgaben für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen.

Die Fürsprecher hatten angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse jedoch keine Chance. Der Antrag der FDP, den Mietvertrag auf 18 Monate zu verlängern, fand ebensowenig Anklang wie der von der SPD, die für eine Verlängerung von fünf Jahren eintrat. Von lautstarken Protesten begleitet entschied die Bürgerschaft hingegen mit den Stimmen der CDU, das Mietverhältnis zu beenden. Die Zuschauer auf der Tribüne - Bewohner und Freunde der Alternativen - riefen daraufhin "Walli bleibt - Walli bleibt" und kündigten ihren Widerstand an. Geplant ist, das Fest am 1. Mai auf dem Gelände der Alternative zu nutzen, um politischen Druck aufzubauen und Fürsprecher zu mobilisieren. Für den 10. und für den 23. Mai sind Demonstrationen und Kundgebungen geplant.

Der Verein "Alternative Tagungsstätte" besteht seit 25 Jahren. Seit 19 Jahren hat er auf der Wallhalbinsel seinen Sitz. Nur einen Steinwurf von der Musik- und Kongreßhalle (MuK) entfernt wohnen derzeit 28 Frauen, Männer und Kinder in Wohn- und Bauwagen auf dem rund 6000 Quadratmeter großen Gelände.

Das Gelände umfaßt unter anderem ein Haupthaus, sowie eine Tischlerei. Die Hansestadt Lübeck stellt es den Walli-Bewohnern und Bewohnerinnen für sechs Euro im Jahr zur Verfügung.

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