Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 05. Mai 1998

Pferde in der Tretmühle

Gebäude diente nur 47 Jahre als Mühle - 1918 entstanden Wohnungen

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In den 20er Jahren gab es noch die Dachgauben rechts und links des Mittelerkers

Rossmühle - erbaut 1750 von Stadtbaumeister Johann Adolf Soherr zum Mahlen von Korn und als Lagerhaus. 1918 zu Wohnzwecken umgebaut und die Fenster verändert" - das steht auf einer Tafel, die an dem langgestreckten Fachwerkhaus an der Obertrave 43 angebracht ist.

Insgesamt 47 Jahre war die Mühle in Betrieb. "Wenn die beiden Mühlen am Mühlendamm wegen Wassermangel stillstanden, kam die Roßmühle zum Einsatz", berichtet Dietrich Oldenburg vom Bereich Denkmalpflege.

Vermutlich habe sich im rund 600 Quadratmeter großen Hof ein Pferdegöpel befunden, eine durch Pferdestärken bewegte Drehvorrichtung zum Antrieb der Mühle, auch Tretmühle genannt. "Allerdings ist bei Ausschachtungsarbeiten kein Mahlwerk gefunden worden", so Oldenburg.

Aufzug am Mittelerker

Eine Besonderheit des Gebäudes ist ein außen am Mittelerker angebrachter Aufzug, mit dem die Lasten durch eine Luke in die Obergeschosse befördert wurden. 1797 war es mit dem Kornmahlen in der Mühle schon wieder vorbei; über die Gründe dafür findet sich laut Oldenburg allerdings nichts in den Unterlagen. Fest steht: Das Haus diente als Lagerraum, so daß der Lastenaufzug vermutlich von großem Vorteil war. "Der ursprüngliche Grundriß des Gebäudes ist unklar", so Oldenburg, "vermutlich bestand es aus zwei riesigen Lagerräumen, in denen sich verschiedene Mahlgeräte befanden."

Geplant: Eichamt mit "Bureau"

1888 lagen erstmals Pläne für Umbauarbeiten vor. Wände sollten in die Lagerhalle eingezogen werden, um sie in ein Eichamt mit "Bureau", Justiersaal mit Gewichten und Faßschuppen zum Ausmessen von Fässern zu verwandeln. Doch diese Pläne sind wahrscheinlich nie ausgeführt worden.

Erst nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde umgebaut. Bis dahin hatte das Haus nur Luken zum Lüften und Korntrocknen; nun wurden Fenster eingesetzt, und im Inneren des Gebäudes wurden Wände gezogen. In jeder der beiden Haushälften, die bis heute durch eine Toreinfahrt getrennt sind, entstanden vier Wohnungen, bestehend aus Stube, Kammer und Küche. Darin wohnten häufig Familien mit mehreren Kindern.

Keine Toiletten

Da vermutlich der Fußboden in den Obergeschossen durchzubrechen drohte, wurde darüber ein zweiter Fußboden eingezogen. Für diesen wurden mehrere alte Fensterluken verwendet. Die beiden kleinen Dachgauben links und rechts vom Mittelerker verschwanden später.

Die Wohnungen waren ohne Toiletten. Die waren - bis heute - in Bretterbuden im großen Innenhof untergebracht.

Im Lauf der Jahrzehnte wurden allerhand "Modernisierungen" durchgeführt: Kachelöfen kamen in die Wohnungen, und an den Außenwänden wurden Elektroleitungen angebracht.

1977 wurde das Fachwerkhaus, dessen Fassaden und konstruktive Teile im Inneren nahezu vollständig erhalten sind, unter Denkmalschutz gestellt.

Die städtische Grundstücksgesellschaft "Trave" hat das Haus im vergangenen Jahr verkauft. Der Bereich Stadtplanung machte zur Bedingung, daß maximal zwei Familien das Haus nutzen dürfen. Außerdem müssen die neuen Besitzer Sanierungsauflagen beachten.

Anfang des Jahres zog der letzte Mieter aus dem historischen Gebäude an der Obertrave aus.

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