Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 15. Juli 2019

Ausgabe vom 05. Mai 1998

Nur Männer durften wählen

Die Wahl in Lübeck zur Nationalversammlung im Jahr 1848

Über die Urwahl in Lübeck, also die Wahl zur Nationalversammlung, die im Jahr 1848 stattfand, hat Otto Wiehmann vom Archiv der Hansestadt folgende Erkenntnisse zusammengetragen:

Vom 31. März bis zum 3. April tagte in der Paulskirche in Frankfurt am Main eine Versammlung von über 500 Vertrauensmännern aus den deutschen Staaten, im wesentlichen frühere Mitglieder der Ständevertretungen, ohne direktes Mandat. Aus Lübeck nahmen der Jurist Dr. Heinrich Behn und der Kaufmann Christian Heinrich Suckau daran teil. Dieses sogenannte Vorparlament beschloß die Einberufung einer Nationalversammlung.

Die wesentlichen Bestimmungen waren: Auf je 50 000 Seelen wird ein Vertreter zur deutschen konstituierten Versammlung gewählt. Ein Staat mit weniger Seelen wählt einen Deputierten - dazu gehörte auch Lübeck.

Die Wahlberechtigung und Wählbarkeit darf nicht beschränkt werden durch einen Wahlzensus, durch Bevorrechtigung einer Religion, durch eine Wahl nach bestimmten Ständen. Jeder volljährige, selbständige Staatsangehörige ist wahlberechtigt und zugleich wählbar.

Senat beschließt Verordnung

Aufgrund dieses "Rahmengesetzes" legte der Senat der Bürgerschaft eine Verordnung, die Wahl eines Abgeordneten zur konstituierenden Deutschen National -Versammlung betreffend, vor. Sie wurde am 18. April beschlossen und einen Tag später veröffentlicht.

Die Wahl des Abgeordneten geschah durch Wahlmänner, die in Urversammlungen erwählt wurden (sieheStichwort). Das heißt, die Wahlberechtigten wählten anders als heute den Abgeordneten nicht direkt.

Zur Teilnahme an den Urwahlen war jeder volljährige, selbständige männliche (!) Angehörige des Lübeckischen Freistaates berechtigt - ohne Rücksicht auf seine Religion. Die Beschränkung zur Teilnahme an Urwahlen auf solche, welche "dem Staate einen Eid geleistet oder durch Zahlung einer bestehenden direkten Steuer die Staatslasten mittragen", war von der Bürgerschaft abgelehnt worden. Die in Moisling wohnenden Juden hätten sonst nicht wählen dürfen.

82 Wahlmänner

Der Meinung, daß durch gedruckte Wahl-Stimmzettel die Wahlfreiheit beeinträchtigt wäre, wurde entgegengehalten, daß dadurch einer Zersplitterung entgegengewirkt werde.

Aus der damals erschienenen Presse läßt sich entnehmen, daß es auch Maueranschläge gegeben hat - die heutigen Wahlplakate.

Die schließlich gewählten 82 Wahlmänner waren nun aufgerufen, den "Abgeordneten zur konstituierenden deutschen Nationalversammlung zu wählen". Anfang Mai standen die folgenden Kandidaten fest: Professor Johann Heinrich Thöl in Rostock, ein Lübecker, der später zum Ehrenbürger ernannt wurde; Dr. Carl Wilhelm Asher in Hamburg, Senator Dr. Heinrich Brehmer, Professor Friedrich Blume in Bonn, Dr. Heinrich Behn, Oberappellationsgerichtsrat Dr. Ludwig Heinrich Wiederhold in Lübeck und Professor Ernst Deecke.

Drei Abstimmungen erforderlich

Die Wahl des Abgeordneten und des Ersatzmannes fand schließlich am 5. Mai 1848 um 9 Uhr in der Kriegsstube des Rathauses statt. Insgesamt waren drei Abstimmungen erforderlich, bis das Ergebnis feststand. Das Resultat nach der dritten Abstimmung: Wiederhold 49 Stimmen, Brehmer 25 und Deecke 12; zum Ersatzmann wurde im zweiten Wahlgang Deecke mit 60 Stimmen gewählt, Brehmer erhielt 20.

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