Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 06. September 2005

Zwei Raritäten Thomas Manns "entdeckt"

Theodor Kayser's Nachlass barg jahrelang ideellen Schatz

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Britta Dittmann, Annette Borns, Horst-Theodor Kayser und Bernd Saxe (v. l.) bie der bergabe der Schriftstücke die Kulturstiftung.; Foto: M. S. Niemann

Dass ein "kleiner" Schatz im Nachlass seines Vaters darauf wartete, entdeckt zu werden, wusste Horst-Theodor Kayser jahrelang nicht. Der Lübecker Immobilienkaufmann stellte einen Teil des Erbes Theodor Kaysers in einem Privatkontor ins Archiv. Erst vor kurzem fand er Zeit und Muße, Berge von beschrifteten Akten durchzugehen, zu sortieren und teilweise zu entsorgen. "Über sechs Tonnen kamen in den Schredder", so Kayser. Doch eine unbeschriftete Akte weckte die Neugier von ihm und Sohn Lars. Was sie fanden glich einer kleinen Sensation: die Privatkorrespondenz seines Vaters. Unter anderem korrespondierte er mit Albert Schweitzer und Julius Leber. Und es fanden sich zwei höchst interessante Briefe aus dem Nachlass von Hermann Lange (1876 bis 1961), den Theodor Kayser nach dessen Tod verwaltete. Lange, befreundet mit Kayser, war ein Mitschüler Thomas Manns. Die beiden Briefe, datiert vom 6. Dezember 1947 und 20. Mai 1948, sandte Thomas Mann aus dem Exil in Kalifornien, Pacific Palisades, in die Heimat und wurden nun von Horst-Theodor Kayser an die Kulturstiftung der Handestadt Lübeck übergeben.

Als besonders wertvoll gilt der dreiseitige hanschriftliche Brief von 1947. Er galt bisher als verschollen, ledigich ein Tagebucheintrag Manns wies bisher auf seine Existenz hin. In diesem Brief dankt Thomas Mann Hermann Lange freundschaftlich für einen Brief, erinnert sich seines Besuchs in Lübeck anlässlich des 700-jährigen Jubiläums der Reichsfreiheit der Stadt und schreibt über sein Exil-Schicksal: "Ich habe anno 33 den ganzen äußeren Erwerb eines fast schon 60-jährigen Lebens verloren, dank den hirnverbrannten politischen Lustbarkeiten des deutschen Volkes, und eine Zeit lang war ich wirklich recht betroffen davon. Aber wer was kann und ist, wie Du und ich, der kommt schon durch". Dem Brief legte Thomas Mann zwei Fotografien bei: ein Porträt und eine Aufnahme seines Hauses im 1550 San Remo Drive.

In dem zweiten, einseitigen und maschinenschriftlichen Brief von 1948 reagiert Thomas Mann auf die Nachricht von der Erkrankung des ehemaligen Mitschülers Oskar Wendt, die er von Lange erhielt. Und er erkundigt sich nach dem Verbleib mehrerer Bücherpakete, die er nach Lübeck schickte und die den Grundstock eines Thomas Mann-Archivs bilden sollten. Neben den Briefen fand sich in Langes Nachlass auch eine so genannte "Schlüsselliste". In ihr werden die Romanfiguren aus den "Buddenbrooks" mit Lübecker Persönlichkeiten verglichen, quasi ein "who is who" der Menschen, die mit der Familie in Kontakt standen. Es ist die 13. Schlüsselliste, die bekannt ist. "Normalerweise wissen wir nicht, woher die Listen stammen", erklärt Britte Dittmann, Leiterin des Archivs des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums. Hier werden die Briefe auch zu sehen sein.

Als "eine schöne Geste" bezeichnete Bürgermeister und zugleich Vorsitzender der Kulturstiftung Bernd Saxe die Übergabe beider Briefe. Sie hätten ebenso von der Familie Kayser verkauft werden können. "Dass sie es nicht taten, beweist wieder einmal den Bürgersinn in Lübeck". Im Archiv des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums befindet sich rund 50 Briefe von Thomas Mann. Mann schrieb bis zu zehntausend Briefe pro Jahr.msn

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