Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 16. Juni 1998

Vom Geheimgebäude zum Dienstleistungsbetrieb

1835 wurde das städtische Archiv für Fremde nutzbar - Die Einrichtung wird in diesem Jahr 700 Jahre alt

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Andrzej Groth stöbert in der Vergangenheit; Fotos: C. Vogt-Müller

Stille umgibt den Besucher im Lesesaal des Stadtarchivs am Dom. Nur ab und zu raschelt Papier, leise klappern Tasten eines Notebooks. An diesem Montag vormittag arbeiten hier vier Männer. Einer von ihnen ist Andrzej Groth.

Er sitzt gebeugt über den vergilbten Seiten eines Rechnungsbuches aus dem 16. Jahrhundert. Die ebenmäßige, kleine Handschrift ist für den Laien schwer zu entziffern. Aber Groth ist geübt. Er liest, macht sich Notizen. Groth ist Historiker und Professor an der Universität in Danzig. Seeschiffahrt und Seehandel der Frühen Neuzeit im Raum der südlichen Ostsee sind Schwerpunkt seiner Forschungen, insbesondere Handels- und Seeschiffahrtskontakte zwischen Lübeck und Danzig, Elbing und Königsberg.

"Mit der großen Hanse war es im 16. Jahrhundert vorbei, aber Lübeck spielte immer noch eine große Rolle als Handelshafen und darum muß ich auch hier Akten benutzen", erklärt Professor Groth. Seine Quellen der Erkenntnis sprudeln in Lübeck reichlich.

Doch man muß keineswegs Professor oder Historiker sein, um die Archivalien zu nutzen. Akademiker machen zwar etwa die Hälfte der Benutzer aus, aber die andere Hälfte setzt sich zusammen aus Handwerkern, Arbeitern und Angestellten, Studenten, Schülern, Hausfrauen und Pensionären. Kurz: Das Archiv steht jedem offen.

Beratung und Information

Einzige Voraussetzung ist, daß man einem konkreten Sachverhalt auf der Spur ist. Ob jemand Familienforschung betreibt, Besitzverhältnisse klären will oder nach den Wurzeln des gerade gekauften Altstadthauses sucht - die Archivare beraten und informieren über die Quellen. Welche Akten des alten oder neuen Senatsarchivs, der Fachbehörden, des Gerichtswesens oder aus Kirche, Religion und Sozialwesen den Schlüssel zur Information bergen, das wissen die Archivare. Sie legen die Findbücher des betreffenden Bestandes vor. Darin sind sämtliche Akten registriert und deren Inhalt kurz benannt.

Sind Akten entdeckt, notiert man sich die Signatur und übergibt sie dem Mitarbeiter. Er holt die in säurefreie Pappen eingeschlagenen Papiermengen aus den langen Regalen der Magazine und bringt sie in den Lesesaal.

Alte Handschriften

Für den Besucher beginnt jetzt das größte Stück Arbeit. Er muß sich durch das Schriftgut lesen. Große Schwierigkeiten bereiten immer wieder die alten, individuellen Handschriften. "Junge Leute können heute die deutschen Lettern nicht mehr lesen", kennt Stadtamtmann Otto Wiehmann, seit 34 Jahren im Archiv, das Problem. Wiehmann hat daher das Deutsche Alphabet übertragen und stellt die Transkription zur Verfügung. Aber die Mitarbeiter haben noch andere Aufgaben. Sie müssen beispielsweise die in der Stadtverwaltung produzierte Papierflut von 30 Millionen Blatt pro Jahr bewältigen. Die nicht mehr benötigten Akten müssen gesichtet und bewertet werden. Drei bis fünf Prozent der Schriftstücke werden davon übernommen, das sind etwa 70 bis 80 Meter Akten pro Jahr. Im Archiv angekommen, müssen sie geordnet und registriert und für die Benutzung zugänglich gemacht werden.

Wie alle Archive, war auch das Lübecker ein Geheimarchiv. Benutzbar nur "von Amts wegen". Dem Gelehrten oder gar dem normalen Bürger war die Nutzung untersagt. Erst die Französische Revolution bahnte den Weg zum Recht auf freie wissenschaftliche Nutzung und zur Einsichtnahme in die Akten. In Lübeck wird das Archiv erstmals 1835 für Fremde zugänglich, nach schriftlicher Genehmigung durch den "senatorischen Direktor des Archives".

Erst seit 1925 erteilte das Staatsarchiv selbst die Nutzungserlaubnis. Auch heute geht es nicht ganz ohne schriftliche Erlaubnis. Aber die ist reine Formsache.

700 Jahre wird das städtische Archiv in diesem Jahr alt. An Aktualität indes hat es nichts verloren. VM

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