Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 16. Juni 1998

"Unser täglich Brot" mit Füßen getreten

Zu "Spatenstich ohne Zwischenfälle". SZ vom 9. Juni

Etwa eine Stunde vor dem sogenannten A 20-Spatenstich wurde uns - zwei Personen - auf einer Radtour in Richtung Lübeck kurz hinter Hamberge von fünf jungen Polizisten die Weiterfahrt nicht gestattet. Unsere Bitte, auf der Straße diese besonders bewachte Stelle passieren zu dürfen, wurde ohne Begründung rigoros abgelehnt; und wir hatten doch nur unsere Fahrräder, für jeden ein Brötchen und eine Fahrradgetränkeflasche bei uns.

Statt dessen mußten wir auf einem breiten Streifen über frisch umgeknickte Weizenhalme entlang eines streng bewachten frisch aufgestellten Zaunes schieben.

Dieser Weg endete im aufgeweichten Ackerboden innerhalb des Sicherungsbereiches, in dem wir nun auf Anweisung der Polizei angekommen waren. Von Hamberge bis Moisling zählten wir nun über 30 Polizeifahrzeuge mit etwa 110 uniformierten Beamten. Bis zum Moislinger Baum passierten wir neun Polizeikontrollen. An der Ecke Ziegelstraße/B 75 machten wir eine Pause, von dort fuhren drei vollbesetzte Stadtwerkebusse in Richtung Hamberge. Und weil wir wohl etwas zu lange auf dem Radweg standen, wurden wir von in Zivil gekleideten Personen etwas zu auffällig beschattet (Stasi läßt grüßen).

Alle Verantwortlichen, von Frau Simonis bis hin zu den jungen Polizisten, sollten sich fragen, was sie damit bezwecken wollten - nämlich für diese Veranstaltung ein Stück Weizenfeld wegzuschieben beziehungsweise niederzutreten, und Mitmenschen zu zwingen, auf Weizenähren laufen zu müssen. Größer kann der Abstand zur Schöpfung von den Regierenden nicht demonstriert werden.

Die geladenen Gäste - um nicht zu sagen: die bestellten Jubler - haben nicht zur Nachhaltigkeit unserer Demokratie beigetragen, sie haben darüber hinaus "unser täglich Brot" mit den Füßen getreten.

Über ein vom Staat zertretenes Weizenfeld laufen zu müssen, kommt einer lebenslänglichen Bestrafung gleich, weil es unmenschlich ist und mit christlichen Grundsätzen nichts mehr zu tun hat.

Hildegard und Klaus Buchin, Lübeck

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de