Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. Juli 2019

Ausgabe vom 23. Juni 1998

Die Zukunft der Hanse: Die Jugend steigt ein

Jugendliche aus 40 Hansestädten beim 18. Hansetag in Visby - Interesse galt Projekten und Workshops

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Internationale Hanseseilschaft auf der "Fryderyk Chopin": 26 Jugendliche und ihr Pädagoge Gunnar Gahnström (l.)

Die intensiven Kontakte der Hansestädte im Mittelalter waren zugleich auch immer ein Stück Seefahrtsgeschichte. Die Koggen und ihre Weiterentwicklungen waren die Basis für regen Handel und intensiven Austausch zwischen den Städten im Ostseeraum. Die Hanse lebte von und mit der See und hat auch im ausgehenden 20. Jahrhundert - trotz Düsenjets und Internetkommunikation - immer noch eine starke maritime Wurzel.

Die Bootsplanken selbst jedoch zu einem Ort der internationalen Begegnung zu machen - das ist für die Hanse neu. 26 Jugendliche aus den Hansestädten Soest (Westfalen), Strzelce Opolskie/ Groß Strehlitz (Polen), Kampen (Niederlande) und Visby (Gotland) setzten dies in die Tat um: Sie segelten von Kiel aus gemeinsam zum Hansetag. Angemietet hatte Soest zu diesem Zweck den Rahsegler "Fryderyk Chopin" aus Stettin, der nicht nur den Transport besorgte, sondern auch als schwimmende Unterkunft während des 18. Hansetages in Visby diente. "Das Ganze kostet uns weniger, als wenn wir mit dem Flugzeug angereist wären und in Hotels übernachtet hätten wie die meisten Delegierten", ist Mitorganisator Helmut Albers stolz auf die originelle Idee.

Albers ist Leiter der Volkshochschule in der westfälischen Hansestadt Soest, die vor drei Jahren den Hansetag ausrichtete und seither in einem regelrechten Hansefieber schwelgt.

Keine Hansestadt bringt mehr Personen mit zu den Hansetagen als Soest: Nach Visby waren rund 300 Soester gereist, einige von ihnen als zahlende Passagiere auf der "Fryderyk Chopin".

"Für uns ging es darum zu zeigen, wie Projekte den Hansegedanken stärken können und wie sinnvolle Jugendarbeit aussehen kann", begründet Albers das Segelabenteuer, das den jungen Hanseaten eine ideale Plattform des gemeinsamen Arbeitens und Feierns bot.

Die Jugendlichen kannten sich schon lange vor dem Hansetag: Sie hatten bei einem internationalen Umweltprojekt mitgemacht und dabei Luft- und Gewässeruntersuchungen am Möhnesee und auf Gotland organisiert. Insgesamt 36 Jugendliche aus den vorgenannten Hansestädten und dem ungarischen Sárospatak, der Partnerstadt Soests, machten bei den Sommercamps mit.

Engagement für die Demokratie

In Visby präsentierten die Jugendlichen nun die Ergebnisse ihres Umweltprojektes. Dabei ging es nicht nur um Meßergebnisse und Schadstoffwerte, sondern vor allem um das gemeinsame Arbeiten in internationalen Gruppen und um das Engagement für Demokratie und Völkerverständigung.

Das Soester Projekt, dem ein Jahr zuvor bereits ein Vorhaben gemeinsamer deutsch-polnischer Geschichtsbewältigung vorausgegangen war, beeindruckte die Hansedelegierten. "Stärkt die Arbeitsebene!" hatte Vormann Michael Bouteiller gefordert. Ein Wunsch, der in Visby, Kampen, Soest und Strzelce Opolskie bereits auf fruchtbaren Schiffsboden gefallen ist. Denn die Bürgermeister dieser vier Hansestädte verpflichteten sich an Bord der "Fryderyk Chopin" schriftlich, jedes Jahr ein multinationales Jugendprojekt in gemeinsamer Verantwortung zu organisieren, zu finanzieren und durchzuführen.

Jugendhanse gegründet

Dies kommt auch dem Gedanken der Jugendhanse ("Youth Hansa") entgegen, die in Visby von insgesamt 82 Jugenddelegierten aus 40 Hansestädten gegründet wurde. Die Jugendhanse wird sich laut einstimmigem Beschluß der Delegiertenversammlung alle zwei Jahre während des Hansetages treffen. Die ebenfalls neu gewählte Kommission der Jugendhanse ("Youth Hansa Commission") wird auf allen Hansetagen anwesend sein und soll verstärkt jugendliche Elemente in den Städtebund einbringen.

Der Jugendkommission, der Geschäftsführung der Jugendhanse, gehören Alexandra Ortmann und Jan Lindenau vom unabhängigen Lübecker Jugendrat an, sowie zwei Jugendliche aus Stade, zwei aus Gotland und ein Jugendlicher aus Zwolle.

Wohin die Reise der Junghanseaten und- hanseatinnen gehen soll, zeigte sich bereits in Visby, wo die Jugendlichen in gotländischen Gastfamilien untergebracht waren und ein eigenes Seminarprogramm auf die Beine stellten. Dabei ging es um "Jugend und Demokratie. Der Einfluß von Jugendlichen auf städtische Entscheidungsprozesse", um "Ausbildung und Fortbildung in Europa", um "Völkerverständigung - Respekt vor anderen" und um "Jugendkontakte: Wie kann man mit Projekten die europäischen Länder zusammenführen?".

Daß die Kommunikation zwischen den Jugendlichen der insgesamt 207 Hansestädte erst noch aufgebaut werden muß, ist allen Beteiligten klar. "Youth Hansa goes Internet" heißt deshalb ein wichtiger Programmpunkt, der in Visby zusammen mit einem schwedischen Telekommunikationsunternehmen diskutiert wurde.

Mehr Zeit für Diskussionen

"Visby war toll. Doch hätten wir gerne mehr Zeit für unsere Seminare gehabt", gibt Jan Lindenau eine vielgehörte Meinung unter Hansejugendlichen wieder. "Der Hansetag muß neben dem

großen Angebot an Kulturveranstaltungen mehr Raum für Seminare und Diskussionsveranstaltungen bieten."

Daß die Forderung nach mehr Zuwendung zur Jugend bei den Alteingesessenen keiner langen Diskussion bedurfte, erlebte Lindenau bei dem Auftritt vor der Delegiertenversammlung.

Offene Türen für die Jugend

Dort stellte er zusammen mit Katrin Müller aus Stade die Wünsche der Jugendlichen vor, bat um Unterstützung und Diskussion. "Die Forderungen der Jugendlichen gehen nicht weit genug", war einer der wenigen Wortmeldungen aus dem Auditorium. Fazit: Die Hanse der Neuzeit, gegründet vor 18 Jahren in Zwolle, braucht trotz der Erfolge der Gegenwart dringend "frisches Blut" um ihre Zukunft zu sichern.

Dies scheint nach den Erfahrungen von Visby kein allzu schweres Unterfangen zu sein. Denn die Hanse lebt und ist offensichtlich auch attraktiv für junge Leute. Dies mag als eine der positiv-sten Erkenntnisse des Hansetags von Visby gelten, der reich an Anregungen und gemeinsamen internationalen Anknüpfungspunkten war.

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