Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 23. Juni 1998

Kopf und Hand

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Mit und von Jonas Geist

Ebenso wie man Kopfstand machen kann - wer's kann -, kann man auch Handstand machen, also müßte man vermuten, daß es analog zum Kopfsteinpflaster auch Handsteinpflaster gibt, oder? Unser Kopfsteinpflaster kommt traditionell aus Polen und ist mit der Hand geschlagen und wahrscheinlich per Schiff hierher gekommen. Es muß mit der Geschichte der Pflasterung der Preußischen Chausseen und ihrer Bepflanzung mit schattigen Bäumen zusammenhängen, um die schnellere Truppenverlagerung möglich zu machen. Dahinter lauert das Vorbild Napoleon mit dem Straßennetz, das er angelegt hat: der Bepflanzung mit Platanen, die inzwischen riesig geworden sind und von einem staatlichen Platanenwart gepflegt werden und makadamisierten Straßen, einer Erfindung, die in Paris zum ersten Mal ausprobiert wurde, einen Straßenbelag auf Bitumenbasis zu gießen.

Heute sind unsere Kopfsteinpflasterungen ein begehrter Exportartikel in Städte, die ihr Fußgängerparadies, zu dem sie sich nach tausend Abstimmungen mit dem Einzelhandel entschlossen haben, pflastern wollen.

Handsteinpflaster könnte also nur das sogenannte Berliner Kleinmosaik sein, etwas kleinere Kopfsteine und auch von schwieligen polnischen Arbeiterfäusten geschlagen, die zur Pflasterung der Streifen zwischen Bordsteinkante und Haus, genauer jenseits der Gehwegplatten aus Granit, die man aufheben kann und unter den die Leitungen in Sand verlegt werden - jedenfalls in preußischen Städten - benutzt werden.

Das Berliner Kleinmosaik kann auch aus Blaubalsat gefertigt sein, wird also buntscheckig verlegt, und es ist ein Fest, den inzwischen auch häufig polnischen Gastarbeitern zuzusehen, wie sie in einem leichten Betonbett pflastern, Steine aussuchen und im Viertelkreis der Armbewegung folgend die Flächen schließen.

Vielleicht einer der wenigen Momente im heutigen Leben, wo Handarbeit noch eine sinnliche Qualität hat, so daß Menschen, besonders Kinder, aber auch ich, stehen bleiben, zugucken und auch schon mal eine kleine Unterhaltung führen.

Das war jetzt eine Einleitung zum eigentlichen Thema.

Fortsetzung folgt

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