Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 23. Juni 1998

Abfall ist nicht nur ein Mengenproblem

Immer neue und gefährlichere Stoffe bei der Herstellung und den Produkten selbst - Verbraucher können etwas dagegen tun

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Abfuhr des wiederverwertbaren Materials; Fotos (2): M. Erz

Die Müllberge der Deponien dokumentieren am augenfälligsten den verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen. Auf etwa 400 Millionen Tonnen Abfall jährlich, schätzen Experten, ist der Müllberg der Deutschen mittlerweile angewachsen. Im Schnitt produziert jeder Bundesbürger nach dieser Berechnung knapp 330 Kilo Abfall. Rund ein Drittel davon, vor allem Glas, Papier und Verpackungen, wird getrennt gesammelt und recycelt. Bei den Stadtwerken Lübeck wurden 1997 insgesamt 3786 Tonnen Wertstoffe und Abfälle erfaßt (die SZ berichtete). 66 Prozent der recycelfähigen Stoffe wurden wiederverwertet.

Die Haushalte erzeugen aber nicht nur diesen Müll - jedes Produkt hat, bevor es überhaupt zum Verbraucher kommt, zum Teil bereits riesige Mengen Müll verursacht. Für ein fertiges Auto fallen beispielsweise 25 000 Kilogramm an Abfall an, das 20fache des Gewichts, rechnen die Autoren Kurt Langbein und Manfred Mühlberger in ihrem Buch "Kursbuch Lebensqualität" vor. Im Schnitt, so die Autoren, erzeugten die vorgelagerten Produktionsschritte etwa dreimal so viel Müll, wie die Nutzung der Konsumgüter selbst verursacht.

Die Müllhalden würden immer vol-ler, gleichzeitig wachse der Widerstand gegen neue Anlagen aus Angst vor möglichen Umwelt- und Gesundheitsgefahren, denn zum Mengenproblem käme noch das Schadstoffproblem: ständig würden mehr und gefährliche neue Stoffe für die Herstellung und die Produkte selbst verwendet. "Aus relativ gefahrlos zu entsorgendem Müll wird so immer mehr schwierig zu entsorgender Sonderabfall", lautet das ernüchternde Fazit der beiden Autoren.

Ziel: Abfall vermeiden

So gut es also im Prinzip ist, möglichst viele Wertstoffe einer Wiederverwertung zuzuführen, um damit das Anwachsen des Müllberges zumindest zu verlangsamen oder sogar zu stoppen - das wirksamste Mittel ist die Müllvermeidung. Der Wissenschaftler Ernst U. von Weizsäcker stellt in dem Buch "Weniger Abfall - gute Entsorgung" fest, daß die industrielle Wirtschaftsweise bislang mit einer immer weitergehenden Trennung von Produktion und Entsorgung einhergeht. Aus dieser Trennung habe sich die Unterscheidung von Wirtschaftsgütern und Abfällen ergeben. "Diese Unterscheidung geht von einem (in der Natur unüblichen) eindimensionalen Stoffstrom aus, der beim Abfall endet", so von Weizsäcker. Folgerichtig beschränke sich die bisherige Abfallpolitik weitestgehend auf die Entsorgung und bestätige damit das eindimensionale Denken.

Auf diesem Weg solle man umkehren, so der Wissenschaftler. Die Industrie sollte der "optimalen und wiederholten Nutzung sämtlicher Stoffe oder dem Prinzip weitestgehender Abfallvermeidung" schon in der Phase der Produktentwicklung Vorrang einräumen. Dazu gehörten beispielsweise eine rohstoffsparende Produktion, die Langlebigkeit von Produkten oder Mehrwegverpackungen.

Gleichzeitig sollte die Politik "die Rohstoff- und Energiepreise auf die abfallpolitisch gewünschte Höhe" anheben, so von Weizsäcker. Auch die Entsorgung ist aus seiner Sicht "derzeit für den Erzeuger von Abfällen objektiv viel zu billig."

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