Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. Juli 2019

Ausgabe vom 08. Mai 2007

Als Jakob Grimm keine Märchen erzählte

"Germanisten" fordern bei Zusammenkunft 1847 in Lübeck Demokratie und Einheit

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse.

Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland.

http://www.archiv.luebeck.de.

Lübeck im Jahr 1847

Im März 1848 brach die erste Revolution auf deutschem Boden aus. Aber bereits zuvor, im sogenannten "Vormärz", gärte es heftig im deutschen Volk, vor allem im gebildeten Bürgertum.

Deutschland war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert ein territorialer Flickenteppich vieler souveräner fürstlicher Staaten, "Demokratie" ein Fremdwort. Das Bürgertum aber wollte Einheit und Freiheit. Auf den sogenannten "Germanisten-Versammlungen" forderten Historiker, Philologen und Juristen auf wissenschaftlicher Grundlage die Bildung eines deutschen Gesamtstaates.

Nach einer ersten Tagung in Frankfurt 1846 fanden sich die Germanisten ein Jahr darauf vom 27. September bis 29. September 1847 in Lübeck zusammen. Hier wählten sie Jacob Grimm, den uns zusammen mit seinem Bruder Wilhelm heute vor allem als Märchensammler bekannten Sprachwissenschaftler, abermals zum Vorsitzenden.

Grimm eröffnete die Versammlung vor 170 Teilnehmern in der Reformierten Kirche. Charakteristisch für die Bedürfnisse der Zeit und den allgemeinen Ruf nach Pressefreiheit waren seine Worte: "Möge auch unter uns das Bestreben vorwalten, ungezwungen und frei zu reden".

Die Basis zur Bildung eines neuen deutschen Gesamtstaates bildete für Jacob Grimm die Sprache. Ein Volk und damit eine Nation bildeten für ihn die Angehörigen einer Sprachfamilie: "Lassen Sie mich mit der einfachen Frage anheben: was ist ein Volk? Und ebenso einfach antworten: Ein Volk ist der Inbegriff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden".

Wenn Lübeck 1847 als Tagungsort der Germanistenversammlung gewählt worden war, dann deshalb, weil seine Zugehörigkeit zu Deutschland - seit 1815 inmitten dänischen Territoriums gelegen - gerade in damaliger Zeit außergewöhnlicher Unterstützung bedurfte. Der kleine Stadtstaat an der Trave sah sich, nachdem das Herzogtum Lauenburg 1815 an die Krone Dänemark fiel, aufgrund seiner Insellage völlig vom deutschen Eisenbahn-, Straßen- und Wasser-

straßennetz abgeschnitten. Ohne enormen außenpolitischen Druck war das Königreich Dänemark nicht im mindesten dazu bereit, seine Umschnürung zu lockern.

Die erste Sitzung in Frankfurt hatte sich bereits mit dem politisch aktuellen Thema Schleswig-Holstein befasst. Die Referenten griffen Themen auf, die seit Ende der 1830er Jahre das Leben im Norden Deutschlands beherrschten und fragten unter anderem: Gehörte Schleswig zu Deutschland? War die deutsche Sprache in Nordschleswig als gleichberechtigt anzusehen?

Mangelnde Einheit

Der Hamburger Historiker und Publizist Christian Friedrich Wurm (1803 - 1859), ebenfalls Referent auf der Lübecker Versammlung, der später auch dem Frankfurter Nationalparlament von 1848 angehörte, beleuchtete den Begriff der Nation vom Standpunkt des Historikers. Vor allem aber versäumte Wurm nicht, die Gegenwart aus den Ergebnissen der Geschichte zu begreifen und Forderungen für die Zukunft zu formulieren. So klagte er vehement über die mangelnde Einheit im deutschen Zoll- und Postwesen der Zeit nach 1813. Die Hansestädte jedoch beschrieb er als das, was sie im 19. Jahrhundert auch wirklich waren: Vorläufer der deutschen Wirtschafts- und Handelsinteressen im Ausland mit weltweiten diplomatischen Vertretungen. Musste er also nicht auch folgerichtig ein "Parlament", "ein Organ nationaler Vertretung" fordern, um dem gegenüber anderen "Völkern" politisch zurückgebliebenen Deutschland die "Zukunft" zu sichern?

Tagungsort Lübeck

Die Initiative für den Tagungsort Lübeck war von zwei Lübecker Persönlichkeiten ausgegangen: Senator Theodor Curtius (1811 - 1889) und der Prokurator am Lübecker Oberappellationsgericht Carl Alexander von Duhn. Curtius, seit 1846 im Lübecker Rat, leitete bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1885 mit großem diplomatischem Geschick die Lübecker Außenpolitik. Er war Hauptredakteur der "Lübeckischen Blätter", dem Sprachrohr "Jung-Lübecks", einer Reformbewegung. Seit 1843 arbeitete in dem von ihm mit begründeten "Neuner-Club" an Fragen der Verfassungsänderung mit.

Beide zählten nach damaliger Begrifflichkeit zu den Germanisten. Diesen "Germanisten" standen die Vertreter des römischen Rechts, die "Romanisten" gegenüber. Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, von wissenschaftlicher Forschung und Praxisnähe, die zum politischen Engagement führte, zeichnet die "Germanisten" von damals fast alle aus. Sie saßen weder in einem Elfenbeinturm, noch produzierten sie ihre Werke für den weihnachtlichen Gabentisch.

Die "Göttinger Sieben"

Für ihr politisches Engagement waren viele der Germanisten auch bereit, persönliche und berufliche Nachteile zu erdulden. Der Sprachwissenschaftler und Dichter Ludwig Uhland trat von seiner Tübinger Professur zurück, nachdem ihm die württembergische Regierung den Urlaub zur Ausübung seines Mandats im oppositionellen Landtag verweigert hatte, Jacob (1785 - 1863) und Wilhelm (1786 - 1859) Grimm, beide seit 1830 an der Universität Göttingen in Forschung und Lehre tätig, erhoben mit weiteren fünf namhaften Gelehrten, den berühmten "Göttinger Sieben", Protest gegen König Ernst August von Hannover, als er im November 1837 das Staatsgrundgesetz des Königreichs Hannover, seine verfassungsmäßige Grundlage, aufhob. Sie verloren ihr Amt und wurden des Landes verwiesen.

Sehnsucht nach Einheit

Der nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft auf dem Wiener Kongress des Jahres 1815 geschaffene Deutsche Bund, der aus 37 souveränen Fürstentümern bestand, erfüllte nicht die Sehnsucht des deutschen Bürgertums nach Einheit und Freiheit. Das galt auch für viele Bürger der drei Hansestädte Lübeck, Bremen und Hamburg. Beinahe prophetisch auf das Ende von Monarchie und Fürstenherrschaft hin und mit dem Blick auf eine demokratische Zukunft Deutschlands sollten sich die Worte des Dichters Ludwig Uhland erweisen: "Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen

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