Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 18. August 2007

Lübecks erster "Schutzjude"

1697: Moses Isaac Seligman erhält eine Schutzzusage des Rates der Hansestadt

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse. Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland.

http://www.archiv.luebeck.de.

"To Lubeck syn kene Juden, man bedarf erer ock nicht". Diese Behauptung prägte der 1569 verstorbene Lübecker Historiograph Reimar Kock. In der Tat erhielten Juden während des gesamten Mittelalters keine dauerhafte Niederlassungsmöglichkeit in der Stadt an der Trave. Man kann vermuten, dass die Kaufleuteschaft die Konkurrenz der auch im Großhandel tätigen Juden fürchtete. Ein weiterer Grund für die Abschottung dürfte auch darin zu sehen sein, dass die christlichen Kaufleute spezifisch hansische Kreditformen nutzten, durch die sie an die nötigen, aber raren Kredite kommen konnten. Anders als in vielen anderen Städten war man daher vielleicht in Lübeck auf die jüdische Pfand- und Geldleihe nicht unbedingt angewiesen.

Ablehnungsfront

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg 1618-1648 bröckelte allmählich auch an der Trave die Ablehnungsfront. In der streng lutherischen Stadt Lübeck tritt uns erster mit Namen bekannter Jude Samuel Franck aus Hamburg im Jahr 1658 entgegen. Mehr als zwei oder drei Juden mit ihren Familien wurden aber hier auf lange Zeit nicht geduldet. Im Dorf Moisling vor den Toren der Stadt entstand dagegen etwa zur gleichen Zeit unter dänischem Schutz eine relativ große, mit umfassenden Freiheiten ausgestattete Judengemeinde.

In einer häufig feindlich gesonnen Umwelt war ein sogenannter Schutzbrief, den die jeweilige Obrigkeit gewährte und für den häufig hohe Summen gezahlten werden mussten, die unabdingbare Grundlage für eine einigermaßen sichere Existenz der jüdischen Einwohner. Umso bedeutsamer war es daher, dass im Jahr 1697 zum ersten Mal in der Geschichte der Hansestadt Lübeck der Rat einem jüdischen Einwohner förmlich "Schutz" gewährt wurde. Das war neu und in der Politik der Stadt ein ungeheurer Einschnitt bzw. Wandel, auf den sich in der Folgezeit, trotz wiederholter Rückschläge (Ausweisung von Lübecker Juden) zurückgreifen ließ.

Jüdische Familien

Seit etwa Mitte des 17. Jahrhunderts waren mindestens drei jüdische Familien (Samuel Frank, Nathan Siemsen, Moses Isaac Seligmann) in Lübeck ansässig. Irgendwelche Bürgerrechte besaßen sie jedoch nicht, außer dem, Abgaben zu zahlen. Bewusst hatte die Stadtführung bis dahin ihren Rechtsstatus im Unklaren gelassen, denn aus Angst vor der Bürgeropposition hütete sich der Rat peinlichst davor, sie als "Schutzjuden" zu deklarieren. Damit waren die jüdischen Einwohner quasi rechtlos, denn sie benötigten den Schutz der Obrigkeit, damit man sie nicht von einem Tag auf den nächsten aus den Mauern vertreiben konnte. Und diese Gefahr war wegen der beständigen Klagen vor allem der Goldschmiede und Knochenhauer (Fleischer) quasi täglich gegenwärtig.

Aus dieser prekären Situation sollten die Lübecker Juden an diesem 18. August 1697 erlöst werden. An besagtem Tag erschien der jüdische Geschäftsmann Moses Isaac Seligmann vor dem Lübecker Rat. Da er "gute attestata beygebracht" habe, und er durch Heirat mit der Witwe des in Lübeck ansässigen Juden Nathan Siemsen quasi an dessen Stelle trete, wurde ihm gestattet, "alhier biß Hochweiser Raht aus triftigen Ursachen anders verordnen" werde in der Stadt zu wohnen." Und dann legte der Ratsprokollist den entscheidenden Satz nieder: Moses solle sich mit der Kämmerei, der Stadtkasse also, "wegen eines gewissen jährlichen Schutzgeldes" melden und jährlich 24 Reichstaler Schutzgeld geben. 24 Reichstaler entsprachen in etwa dem Wert von drei Kühen oder 12 Schweinen, eine nicht unerhebliche Summe also. Damit war zum ersten Mal das Institut des Schutzjudentums, das in Deutschland zu dieser Zeit den Rechsstatus fast aller Juden kennzeichnete, auch in der Stadt begründet. Allerdings geschah dies nur inoffiziell, der Bürgerschaft legte man wohlweislich den Vorgang nicht offen.

Moses Isaac Seligmann stammte den Akten im Archiv der Hansestadt Lübeck zufolge aus dem Hochstift Bamberg, wo sein Vater als kurfürstlicher als "Faktor" tätig war, eine Art "Allround-Dienstleister" für den Fürsten. Moses Seligmann war bewusst, dass der Lübecker Rat sich bei seiner Schutzzusage durch die Formulierung "biß Hochweiser Raht aus triftigen Ursachen anders" verordnen werde, eine Hintertür offen gelassen hatte. Seine Bitte nach Streichung dieses Passus lehnte man aber ab. Wie berechtigt seine Sorgen waren, sollte sich nur zwei Jahre später zeigen.

In der Stadt gärte es am Ende des 17. Jahrhunderts, eine immense Schuldenlast drückte, der Höhepunkt hansischen Handels war längst überschritten. Die Anwesenheit der Juden war vor diesem Hintergrund seit langem ein Thema der Stadtpolitik gewesen, eines unter vielen. Heftigst agitierten die Kollegien, Kaufleute und Handwerker, gegen die Juden. Offenbar hatte der Rat aber durch seine (heimliche) Schutzzusage an Seligmann den Bogen überspannt. Seit Anfang 1699 verlangte die Bürgerschaft unter deutlichen Drohungen vom Rat, "alle Juden ohne Unterscheidt, weil sie mit der Bürgerschaft Consens und Willen niemahlen recipiret worden, binnen 14 Tagen mit Weib und Kindt, Sack und Pack aus dieser Stadt zu schaffen."

Als die Stadtspitze nicht reagierte (offenbar nahm die Schutzzusage ernst), wurde am 4. März 1699, am Schabbath, die Vertreibung der drei jüdischen Familien tatsächlich gewalttätig durchgeführt. "Durch dieses gewaltsame Eingreifen der Bürgerschaft hatte die erste Periode des Schutzjudentums in Lübeck ein schnelles Ende gefunden", urteilt der Rabbiner David Alexander Winter in seiner noch heute lesenwerten "Geschichte der jüdischen Gemeinde in Moisling/Lübeck (1878-1953). Was aus den Vertriebenen geworden ist, darüber schweigen die Quellen leider. Vielleicht gingen sie in das liberalere Moisling?

Das gewälttätige Vorgehen der Bürgerschaft hat bereits bei den Zeitgenossen für Kritik gesorgt. Auch die sonst gewiss nicht judenfreundliche Geistlichkeit erhob ihre Stimme, wenngleich sich diese eher gegen die Art der Durchführung als gegen die Vertreibung an sich richtete. Andere waren deutlicher und sahen darin einen Rückfall in die Zeit des Glaubenshasses, selbst Kaiser Leopold fragte in der Sache beim Rat nach.

Trotz der vorübergehenden "Niederlage" des Rates im Jahr 1699: In der Frage der Juden behielt die Stadtführung in der Folgezeit letztendlich doch das Sagen. Die 1697 erteilte erste Schutzzusage war dafür ein wichtiger, wenn auch gescheiterter "Test" gewesen. Bereits 1701 wurde mit Ruben Magnus ein neuer Schutzjude zugelassen. Der auch im 18. und 19. Jahrhundert weiter heftige Antijudaismus der Handwerker und Kaufleute inklusive einiger führender Vertreter im Rat führte aber dazu, dass es in Lübeck anders als in anderen schleswig-holsteinischen Orten bis zum 19. Jahrhundert nicht zur Bildung einer größeren jüdischen Gemeinde kam.

So konnte sich der Rat, der sich einer Ansiedlung von Juden aus wirtschaftspolitischen, machtpolitischen und fiskalischen Gründen offener zeigte, nur bedingt durchsetzen. Erst unter der französischen Herrschaft 1811-1813 und in der Lübecker Verfassung von 1848 genossen Juden gleichberechtigt die bürgerlichen Rechte.

Dr. Jan Lokers

Buchdeckel Guttkuhn In der vom Archiv herausgegebenen Reihe zur Geschichte der Hansestadt Lübeck ist 1999 als Band 30 erschienen:

"Guttkuhn, Peter, Die Geschichte der Juden in Moisling und Lübeck. Von den Anfängen 1656 bis zur Emanzipation 1852."

Das Buch ist seit längerem vergriffen - das Archiv der Hansestadt Lübeck plant eine Neuauflage noch in 2007.

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