Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 15. September 1998

Touristen sind Travemündes Lebensader

Zu: "Die Passat ist wieder da". SZ vom 19. Mai

Anläßlich der Rückkehr der "Passat" auf ihren Liegeplatz habe ich mich mit meiner Familie nach Travemünde begeben, um dem Spektakel beizuwohnen. Angesichts der Besucherströme waren alle Parkplätze und auch sonstigen freien Plätze und Wiesenstreifen, auf die ein Auto gepaßt hätte, überfüllt, so daß ich auf dem Baggersand-Parkplatz zusammen mit sehr vielen anderen Fahrzeugen auf dem Busparkplatz gestanden habe. Ein Grund für diese Anarchie auf den Straßen waren die fehlenden Ordnungskräfte. Wenn eine Veranstaltung wie das "Mittelalterlich Spectaculum" zehntausende von ja immerhin zahlenden Besuchern nicht nur Parkplätze sondern auch Einweiser zur Verfügung stellt, dann ist es unverständlich, daß die Organisatoren in Travemünde den im Vorfeld schon erwarteten 50 000 Besuchern keinerlei Hilfen dieser Art anzubieten gedachten. Hauptsache, der dumme Tourist kommt, zahlt und geht ohne zu meckern, egal wie wenig er dafür geboten bekommt und wie schlecht der Gastgeber ihn behandelt?

Als wir wieder abfahren wollten, stellten wir fest, daß unser Auto als einziges abgeschleppt worden war. Ein Bus habe den Parkplatz verlassen wollen und sei durch etwa zehn außerhalb der Markierungen parkende Fahrzeuge daran gehindert worden, teilte mir ein Polizeibeamter auf Nachfrage mit. Mein Fahrzeug habe insofern "günstig" gestanden, als das Herausschleppen nur dieses einen Fahrzeuges dem Bus die Abfahrt ermöglichte. Die anderen Fahrzeuge, die behindernd geparkt hatten, wurden weder abgeschleppt noch mit einer Ordnungswidrigkeit bedacht.

Der Abtransport meines Wagens zu einem weit entfernten Ort war darüber hinaus völlig ungerechtfertigt, da der Parkplatz bereits soweit entleert war, daß ein Verstellen zum Pkw-Parkplatz leicht möglich gewesen wäre. Damit wäre sowohl dem Bus als auch dem Gast gedient gewesen.

Ich brauche Sie sicher nicht daran zu erinnern, daß Touristen die
Lebensader Ihres Ortes sind. In Anbetracht der immer wieder zu hörenden Klagen über ausbleibende Gäste, kann ich mich über ein solches Verhalten nur wundern. Bestärkt werde ich durch Zeitungsberichte, in denen von sich häufenden Klagen gesprochen wird. Die allem Anschein nach in Ihrem Ort vorherrschende Arroganz dem Gast gegenüber auf allen Ebenen ist die Ursache hierfür.

Da ich selber ein Feind destruktiver Kritik bin, möchte ich Ihnen eine Chance geben, zu lernen: Während unseres Frankreichurlaubs in diesem Jahr haben wir mehrere Orte besucht, die wir schon seit Jahren kennen. Diejenigen Orte, die von Gastfreundschaft auf Abzockerei umgestellt haben, verfallen derzeit alle im Niveau -- und einige bereits in ihrer Substanz. In Vieux-Bouceau hingegen sorgen Polizisten auf Fahrrädern zu den Stoßzeiten an kritischen Stellen dafür, daß der Verkehr läuft. Auf Parkplätzen für Wohnmobile wird kontrolliert, ob auch jeder bezahlt hat; falls nicht, bietet der Ordnungshüter gleich vor Ort das Parkticket zum normalen Preis an, damit sich der Gast gar nicht erst zum Parkautomaten bemühen muß. Etwaige Falsch-parker werden auf ihren Fehler aufmerksam gemacht und man gibt ihnen Gelegenheit, sich richtig zu stellen. Kein Verwarngeld, keine Arroganz, sondern vielmehr zum Abschied noch der Wunsch für einen schönen Urlaub. So geht man mit denjenigen um, die einem das tägliche Brot bezahlen.

Wenn Ihnen die Touristen lästig werden, kann ich das verstehen, auch Touristen benehmen sich nicht immer. Dann müssen Sie so handeln, wie Sie das jetzt tun. Als selbständiger Unternehmer behandele ich die Kunden auch danach, wie nötig ich sie habe. Aber jammern Sie dann nicht, wenn die lästigen Touristen wegbleiben. Und vor allem schreien Sie nicht nach Subventionen aus meinen Steuergeldern. Sie haben es selber so gewollt.
Dr. Frank Lechtenberg, Itzehoe

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de