Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 22. September 1998

GeistReich

Die Mitte

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Mit und von Jonas Geist

Der begehrteste Platz auf der Welt ist die Mitte. Genau auf ihr wollen alle stehen, dort wollen alle Politiker sein. Das muß also ein hochpolitischer 0rt sein, der wie alle Grundstücke in Deutschland bis zum Mittelpunkt der Erde geht, wo der von allen hofierte kleine Mann und seine kleine Frau mit den sich immer weiter vermehrenden Accessoires Platz nehmen möchten - weil er nirgends sonst

etwas ist.

Berlin hat es einfach, denn der Kreuzbahnhof "Stadtmitte" hat seit den 20er Jahren klar gemacht, wo das ist, und es ist kein Zufall, daß der Kölner Architekt Oswald Matthias Unger, der Erfinder des Quadrats, direkt auf ihm gebaut hat.

Gleich lächerliche Erscheinungen vertragen sich am besten. Deswegen sang Hubsy von Meiering damals: "In der U-Bahn bot sie mir das ,Du' an, in der S-Bahn sah sie mich ganz kess an, dann stieg sie aus ,Stadtmitte', na bitte!" - Sie erinnern sich noch?

Wo wäre der Ort in Lübeck? Natürlich da, wo Jonny Felgenhauer in den 50er Jahren zu Weihnachten eine Geschenkpyramide errichtete; Geschenke, die ihm durch das heruntergekurbelte Autofenster, den Volkswagen der ersten Stunden, gereicht wurden. Die Mitte in der europäischen Stadt ist da, wo sich im Römischen Lager Cardus und Decumanus kreuzen, als erster Versuch, das himmlische Jerusalem zu realisieren. Hier war es die Kreuzung Sandstraße/Breite Straße mit der Holstenstraße/ Wahmstraße, also der Punkt, der die mittelalterliche Stadt vierteilt; daher Stadtviertel, Quartier mit eigener Kirche und der Aufgabe, den angrenzenden Abschnitt der Stadtmauer zu verteidigen.

Sie merken schon, das ist der Platz, auf dem im Moment überall Kohl stehen will - aber natürlich auch alle anderen mit ihren geklonten Gesichtern und ihren ausgebluteten Thesen: faltenlos, warzenlos, ohne vorstehende Zähne und ohne hängende Lippen schauen sie uns an, die Kandidaten (und auch einige aufgebotene Kandidatinnen) und schauen uns ins Gesicht, was sie nicht sehen können, und buhlen um ein Kreuz, dem Urelement der Stadt.

Sie erinnern sich: da, wo Jonny Felgenhauer immer stand, der baumlange Torwart vom VfB Lübeck. Ach wäre das doch ein schöner denkmalfähiger Augenblick!

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