Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 19. Januar 1999

Mathegrauen und Grusel-Tasche

Ein Nachmittag im Marli-Forum mit Schularbeiten, Basteln und Beratung

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Gülsah und Paulina (v. l.) beim Basteln mit Maren Gebhardt (Mitte); Foto: C. Przywara

Bengi liest laut und etwas stockend aus ihrem Lesebuch vor: "Vater sagt: Heute gibt es nur Mist im Fernsehen"- und fragt dann Marieluise Glatt, was das bedeutet. Die Ehrenamtliche, die im Marli-Forum Schularbeitenhilfe erteilt, erklärt der achtjährigen Türkin die zweierlei Arten von Mist. Dann geht es weiter durch das Hausarbeitenprogramm. Die beiden Strophen von "Schneeflöckchen Weißröckchen", die Bengi lernen soll, singt sie gemeinsam mit der siebenjährigen Aysin, die sich nur zu gerne von ihren Rechenaufgaben ablenken läßt. Bengi hat noch mehr Grauen vor Mathe als Aysin. Nach einer Dreiviertelstunde ist endlich alles überstanden.

Die mollige Bengi erzählt, daß ihre Mutter sagt, sie solle nicht so viel essen. Marieluise Glatt zeigt auf die Mohrrübennase eines gemalten Schneemanns und erklärt: "Davon kannst du essen, soviel du willst."

Währenddessen hat auch Aysin mit Hilfe aller zehn Finger ihre Rechenaufgaben bewältigt. Jetzt stürzt sie sich auf die angenehmere Seite dieses Nachmittags, denn gehen möchte sie noch lange nicht. Sie schneidet eine Ente aus, klebt ihr Flügel an. Zu Hause will sie sie bemalen.

Fast täglich im Marli-Forum

Aysin ist fast jeden Tag im Marli-Forum, meistens kommt sie mit ihrem kleinen Bruder. Wenn der Zwölf-Quadratmeter-Raum mit anderen Kindern überfüllt ist - manchmal sind acht Kinder gleichzeitig da, so daß die Ehrenamtlichen neben der Hausarbeitenhilfe keine Zeit für Spiele haben -, dann geht Aysin einfach in den Gemeinschaftsraum nebenan. Dort bietet Maren Gebhardt, derzeit Praktikantin beim Diakonischen Werk, zeitgleich Basteln für Kinder an. Heute bemalen die Acht- bis 14jährigen Leinentaschen und hören dabei Musik. Die elfjährige Türkin Gülsah gestaltet eine Seite wie das Meer: mit Seepferdchen, Algen und Muscheln. Die andere Seite wird "gruselig", mit Gespenstern, Fledermäusen und Spinnennetz. Die achtjährige Paulina aus Polen malt konzentriert eine riesige Sonne.

Die etwas älteren Mädchen haben sich an einen Nebentisch gesetzt. Dort wird häufig getuschelt. "Manchmal schließen sie sich auch im Bad ein und reden über Jungs", amüsiert sich Maren Gebhardt. Aber meistens spielen die Kinder und Jugendlichen noch Karten oder andere Gesellschaftsspiele.

Die Zeit vergeht dabei wieder wie im Flug, mit Teetrinken und Gesprächen; und dann geht es nach dem Putzplan ans Aufräumen.

Hauptthema ist Berufsfindung

Auch Cornelia Baukes Aussiedler-Sprechstunde ist beendet. Heute war unter anderem eine junge Frau aus Rußland bei ihr, die sich um einen Ausbildungsplatz bemüht. Cornelia Bauke ist mit ihr die Antragsformulare durchgegangen. "Berufsfindung ist zur Zeit das Hauptthema bei meiner Beratung", erzählt sie. Inzwischen konnte sie schon manch "tolle Entwicklung" bei ihren Schützlingen verfolgen. Mit einer Frau, die noch nie im Leben telefoniert hatte, hat sie dies in einem Rollenspiel geübt. "Jetzt hat sie eine Ausbildung als Bürokauffrau begonnen."

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