Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 04. Mai 1999

Ehrung für Essayistin

Ruth Klüger erhält den Thomas-Mann-Preis

Der diesjährige Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck geht an die in Kalifornien und Göttingen lebende Schriftstellerin Ruth Klüger. Die Stadt ehrt damit "eine provokative und subtile Essayistin und autobiographische Erzählerin", heißt es in der Begründung der Jury. Der Preis wird am kommenden Sonntag, 9. Mai, 11.30 Uhr, im Scharbausaal der Stadtbibliothek übergeben. Die Laudatio hält der Literaturwissenschaftler Professor Dr. Heinrich Detering aus Kiel.

In ihrem Buch "weiter leben" (1992) habe Klüger den Erfahrungen des Holocaust und des Exils eine den Dialog fordernde und ermöglichende Sprache gegeben, in ihren Essays Katastrophen und Hoffnungen der Humanität in der deutschen Literaturgeschichte sichtbar gemacht, so die Jury. "Mit Ruth Klüger wird eine Schriftstellerin aus jener Generation gewürdigt, die, aus Deutschland verjagt, ein unersetzliches geistiges Erbe lebendig erhalten und unserem Land zurückgegeben hat."

Ruth Klüger, geboren 1931 in Wien, als Jüdin verschleppt in die Kon-
zentrationslager Theresienstadt,
Auschwitz-Birkenau und Christiansstadt, wanderte nach einem Notabitur in Nachkriegsdeutschland 1948 aus in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Sie studierte Germanistik und Anglistik in New York und Berkeley, Kalifornien, und lehrte an den Universitäten von Virginia und in Princeton, New York.

Heute ist sie Professorin für Literaturwissenschaft an der University of California in Irvine und in Göttingen.

Den autobiographischen Bericht "weiter leben. Eine Jugend" (1992) lobte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler als eine "der beklemmendsten und zugleich befreiendsten Buch-Entdeckungen" des Jahres, während Marcel Reich-Ranicki dazu sagte, "daß es zum besten gehört, was in diesen letzten zwei, drei, vier Jahren in deutscher Sprache erschienen ist." Bernhard Greiner schrieb in der Frankfurter Rundschau: "Diese Autobiographie leistet Außergewöhnliches an Genauigkeit, Unsentimentalität, in seiner Fähigkeit, eben dies Fürchterliche zu benennen, aber stets zugleich mit dem ganzen Anteil der Person, die ihm ausgesetzt war.

Neben literaturwissenschaftlichen Studien gehören zu Ruth Klügers Hauptwerken die Essaybände "Katastrophen über deutsche Literatur" (1994) und "Frauen lesen anders" (1996). Aufsehen erregte zuletzt ihr Essay "Von hoher und niedriger Literatur" (1998) über KZ-Kitsch.

Klüger erhielt unter anderen den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1994), den Anerkennungspreis zum Andreas-Gryphius-Preis (1996) und die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft (1997).

Der Thomas-Mann-Preis wurde 1975 von der Hansestadt Lübeck gestiftet. Preisträger waren die Dichter Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Günter de Bruyn und Günter Grass sowie die Literaturwissenschaftler und -kritiker Peter de Mendelssohn, Joachim Fest, Marcel Reich-Ranicki und Hans Wysling. Der mit 15 000 Mark dotierte Preis wird alle drei Jahre an Persönlichkeiten verliehen, die sich durch ihr literarisches Wirken ausgezeichnet haben "im Geiste der Humanität, die das Werk von Thomas Mann prägte".

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