Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 22. Juni 1999

Michael Bouteiller: "Ich bin ein Nachbar"

Der Vormann der Hanse über die Bedeutung des Hansetages und die Zukunft des Hansebundes

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Michael Bouteiller; Foto: M. Erz

Im Interview mit der Stadtzeitung erläutert Bürgermeister Michael Bouteiller, der zugleich Vormann der Hanse ist, die Bedeutung des Hansetages. Außerdem wagt Bouteiller einen Blick in die Zukunft des Hansebundes der Neuzeit.

Was ist eigentlich der Sinn des alljährlichen Hansetages?

Das jährliche Treffen stärkt das Selbstbewußtsein der Städte und ihre Bedeutung. Die alten Hansestädte waren die Geburtsstätten des Bürgertums - in ethischer Hinsicht. Sie waren und sind Orte der sozialen Verantwortlichkeit und des kaufmännischen Handelns. Dieses Netzwerk der Städte muß man ausbauen, denn im anbrechenden Europäischen Jahrhundert gehört der Stadt die Zukunft. Ohne die Hanse aber gibt es in Mittel- und Nordeuropa keine europäische Stadt.

Das klingt sehr schön, aber auch sehr allgemein. Gibt es konkrete Beispiele, an denen man die Notwendigkeit des Hansetages erkennen kann?

Ich nenne Ihnen als Beispiel das Novgorod-Projekt. 1994 haben wir auf dem Hansetag in Stade beschlossen, den Wiederaufbau der St. Nikolaus-Kathedrale in Novgorod zu fördern. Dafür wurden bis heute in den Hansestädten von den Bürgern und Bürgerinnen insgesamt 700 000 Mark gesammelt. Vor wenigen Tagen nun war ich eingeladen zur feierlichen Wiedereröffnung. Das Signal dieses Projektes ist: Wenn Bürger etwas wirklich wollen, dann geht das auch. Und dabei wurde nicht nur Geld gesammelt, vielmehr haben wir das Projekt von Anfang bis Ende begleitet und organisiert.

Novgorod hat dadurch ein Stück seiner ehemaligen europäischen Bedeutung zurückgewonnen. Außerdem hat die Tatsache, daß die Hansestädte sich für Novgorod engagieren, zu weiteren Investitionen in der Stadt geführt, auch aus vielen Hansestädten sind Unternehmen aktiv geworden. Mit der Hinwendung zu Europa ist Novgorod überdies zu einem Vorbild für liberale Reformen in Rußland geworden. Das strahlt auf die Region und auf andere Städte in Rußland aus.

Übertragen bedeutet das: Was gut für Lübeck ist, ist auch gut für Kiel. Und umgekehrt.

Was ist denn am Hansetag "gut für Lübeck"?

Die Stadtverwaltung ist auf dem Wege der Internationalisierung. Diese Fernbeziehungen sind wichtig. Man braucht das Wissen der anderen Städte und man braucht gleichberechtigte Partnerschaften. Man muß sich kennen-, achten und schätzen lernen, um Vertrauen zu schaffen.

Das gilt natürlich nicht nur für die Verwaltung. In früheren Zeiten haben Unterschiede, beispielsweise beim Lebensstandard, zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt. Einander kennenlernen heißt also auch, Unterschiede akzeptieren zu lernen. Es mag ein großes Wort sein, aber das ist aktive Friedenspolitik.

Hat man in der Hansestadt Lübeck das Potential "Hansetag" erkannt?

Ich glaube nicht. Man blickt nur auf Lübecks einstige Rolle zurück. Aber die Rolle Lübecks heute ist eine ganz andere. Was in Lübeck noch nicht zureichend stattfindet, ist die Transformation der Geschichte in die Zukunft.

Sie sind in Oldenzaal mit Königin
Beatrix zusammengetroffen, in Visby mit Königin Silvia und in den zurückliegenden Jahren mit vielen weiteren hohen und höchsten Repräsentanten der Staaten. Helfen diese Kontakte den Städten?

Natürlich ist es gut, wenn zum Hansetag die Königin kommt. Das unterstreicht die Bedeutung unserer Zusammenkunft und es wertet die jeweilige Stadt in ihrer Region auf. Aber für unsere Idee ist das im Grunde nicht so bedeutsam. Wichtig ist vielmehr, daß die Städte für sich Projekte formulieren und diese aus eigener Kraft umsetzen.

Lübecks Bürgermeister ist traditionell der Vormann der Hanse, also eine bedeutende Person im Hansebund der Neuzeit. Mit dem Ausscheiden aus dem Bürgermeisteramt im kommenden Jahr werden Sie auch nicht mehr Hansevormann sein. Scheiden Sie mit Wehmut aus diesem Amt?

Nein. Ich weiß, daß viele Projekte angeschoben wurden und weiter angeschoben werden. Dafür haben wir hier in Oldenzaal die Voraussetzungen geschaffen. Das Amt habe ich als Verpflichtung verstanden, Sprachrohr aller Hansestädte zu sein. Dazu gehört gelegentlich das Repräsentieren, aber vielmehr noch das Formulieren von Arbeitszielen. Dabei stand und steht für mich die Frage im Vordergrund: Dienen die verabredeten Vorhaben der Idee der Europäischen Stadt?

Ich habe dieses Amt gern ausgefüllt, weil es mir eine Herzensangelegenheit ist, kleine und mittlere Städte zu fördern. Diese sind eigentlich wichtiger als die Metropolen. Ich bin eben kein Staatsmann, sondern ein Stadtmensch. Und in diesem Sinne Nachbar.

Was wünschen Sie dem Hansebund der Neuzeit?

Daß sich die Städte dem Prinzip der Hanse von Freiwilligkeit und gleichzeitiger Verbindlichkeit weiterhin verpflichtet fühlen. Wichtig ist die Kunst, deutlich zu machen, daß alle freiwillig dabei sind und sich auch freiwillig an den Projekten beteiligen - das ist dann aber zugleich die Verbindlichkeit. Die neue Hanse lebt wie die alte vom Konsens ihrer Mitglieder: Das ist europäische Diplomatie der Stadt.

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