Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 10. August 1999

Strategien für einen "sanften Tourismus"

Im Rahmen der Erarbeitung eines Leitbildes wird auch das Lübecker Fremdenverkehrskonzept diskutiert

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Touristen in Lbeck: Familie Geier aus Koblenz vor der Schiffergesellschaft. Von hier erschlie§t sich am besten die Gr§e von St. Jakobi-Kirche; Foto: N. Lwe

Der Tourismus ist eine Branche, in der noch ungebrochene Wachstums-
euphorie herrscht. Jahr für Jahr verreisen immer mehr Menschen immer öfter, immer weiter und für immer kürzere Zeit. Der Last-Minute-Tourismus ist der deutlichste Ausdruck dafür, daß die Reiseziele immer beliebiger werden - Hauptsache weg. Für viele Lübeckerinnen und Lübecker ist die jährliche Reise ins Ausland mittlerweile selbstverständlich geworden - weltweit gesehen sind Auslandsreisen jedoch nur einer kleinen Minderheit der Menschheit vorbehalten: Nur gerade fünf Prozent der Weltbevölkerung, so schätzt die Welthandelsorganisation, kommt in den Genuß dieses Privilegs - und dann sogar oft mehrmals im Jahr. Deshalb bleiben die Lübecker Altstadt und die beschauliche Wakenitz von Flugzeugladungen voll indischer oder brasilianischer Last-Minute-Touristen einstweilen noch verschont. Oder sollten wir sie uns wünschen?

Das Thema Tourismus ist für Lübeck in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Einerseits ist unsere Stadt Urlaubsziel von jährlich rund 400 000 Übernachtungsgästen und vieler Tagesgäste; andererseits gehen viele LübeckerInnen selbst als Touristen auf Reisen. Somit steht dieser Wirtschaftszweig, der in ganz Schleswig-Holstein knapp fünf Prozent des Volkseinkommens sichert, auch bei der Lübecker Leitbilddiskussion auf der Tagesordnung.

In jüngster Zeit ist der Tourismus unter anderem wegen seiner kaum mehr übersehbaren Auswirkungen auf die lokale und globale Umwelt ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Müllberge, zerstörte Landschaften und Megastaus, wie zur Zeit auf den norddeutschen Autobahnen zu erleben, sind einige Schlüsselprobleme von Urlaubsregionen auf der ganzen Welt.

Dazu kommen - insbesondere beim Ferntourismus - gesellschaftliche Probleme: Touristenschwärme können das Sozialgefüge der im Urlaubsgebiet lebenden Menschen und deren überlieferte Werte und Verhaltensweisen verändern. Nicht nur Naturschutzverbände und Menschenrechtsinitiativen, sogar Institutionen wie die Welthandelsorganisation oder die UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung suchen nach Strategien für einen "sanften Tourismus" - auch im Hinblick auf die Erhaltung des touristischen Potentials.

In Schleswig-Holstein als Urlaubsland steht die Strategie des "sanften Tourismus" im Mittelpunkt der Fremdenverkehrskonzeption. Sie wurde 1990 von der Landesregierung in Abstimmung mit allen Tourismusverantwortlichen in Schleswig-Holstein verabschiedet. Punkte wie Umweltverträglichkeit, Sozialverträglichkeit und die Förderung landestypischer Elemente sind wesentliche Ziele. Diese Ziele sind nicht zuletzt eigennützig: So geben die meisten Schleswig-Holstein-UrlauberInnen das Naturerlebnis als wichtiges Urlaubsanliegen an.

In Lübeck als beliebtem Ziel des Schleswig-Holsteinischen Städtetourismus' werden im Rahmen der Leitbilddiskussion touristische Konzepte diskutiert. Gemäß den Anforderungen an das zu entwickelnde Leitbild sollen die Planungen an "Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit" orientiert sein. Deshalb kommen wir auch in Lübeck nicht um die Fragen herum: Was ist "nachhaltiger Tourismus"? Und was müssen die Stadt und die Lübeckerinnen und Lübecker tun, um dieses Ziel zu erreichen?

Nachhaltiger Tourismus ist von den Grundsätzen der Erklärung von Rio über Umwelt und Entwicklung und den Verpflichtungen der Agenda 21 geleitet. Er ist langfristig, in Bezug auf heutige wie auf zukünftige Generationen, ethisch und sozial gerecht, kulturell angepaßt, ökologisch tragfähig sowie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig. Als Konsequenz sollten die Verantwortlichen in Lübeck darum bemüht sein, den Fremdenverkehr zu fördern ohne das soziale Gefüge und die Umwelt zu zerstören. Da Tourismuspolitik eine Querschnittsaufgabe ist, sind fast alle kommunalen Politikbereiche angesprochen. Die Berücksichtigung der Interessen der Lübecker Betriebe und der einheimischen Bevölkerung, wie die Schaffung von sicheren Arbeitsplätzen, ist eine Kernforderung an die kommunale Wirtschaftspolitik.

Im Verkehrsbereich sind beispielsweise Konzepte gefordert, die ein genüßliches Verweilen und Flanieren in der historischen Altstadt ermöglichen, denn die Schönheiten unserer Stadt erschließen sich wohl am besten den Fußgängern. Auch die Fahrradurlauber werden durch ein gut ausgebautes und beschildertes Radwegenetz dazu motiviert, einen Zwischenstopp in Lübeck einzulegen.

Die Erhaltung von Naherholungsgebieten wie der Wakenitz dienen der Attraktivitätssteigerung Lübecks als touristischem Ziel. Der Bau der A 20 sollte ebenfalls aus diesem Blickwinkel bewertet werden. Und auch eine kinderfreundliche Stadt kann Touristen locken - insbesondere, da Schleswig-Holstein viele Familien mit Kindern beherbergt.

Genauso wie städtische Maßnahmen der unterschiedlichsten Sachgebiete die touristische Anziehungskraft Lübecks beeinflussen, wirken spezifisch touristische Planungen auf viele Lebensbereiche der einheimischen Bevölkerung zurück. Aus diesem Grunde sollte eine breite Beteiligung und Diskussion von Tourismuskonzepten in der Bevölkerung selbstverständlich sein.

Eine touristische Umweltbilanz für Lübeck kann aussagekräftige Bewertungskriterien für diese Diskussionen liefern. Mit deren Hilfe können nicht nur die Umweltauswirkungen von Touristen in Lübeck meßbar gemacht werden, sondern auch die Effekte einer umweltverträglichen Tourismuspolitik dargestellt werden.

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