Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 10. August 1999

Verantwortung auch im Urlaub

Reiseziel und Reisemittel sind von erheblicher Bedeutung

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Klima-Killer Flugzeug?

Urlaubsziele werden in der Regel nach der subjektiven Attraktivität der Reiseorte ausgesucht. Kaum jemand macht sich darüber Gedanken, daß die Wahl des Urlaubsortes und des Reisemittels eine große Bedeutung hat - zum Beispiel für die Umwelt, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und die kulturelle Identität der Bereisten. Doch wenn wir unseren Lebensstil nachhaltig und somit auch prinzipiell verallgemeinerungsfähig gestalten wollen, müssen wir auch die Frage diskutieren, wohin wir wie reisen - und wie wir uns dort verhalten.

Insbesondere der Dritte-Welt-Tourismus bringt besondere Probleme mit sich: "Wir hungern nach Sonne und Sorglosigkeit. Wir reisen. Doch es reisen die Satten. Wir suchen Erholung in fremden Ländern, Entspannung und Abenteuer. Wir suchen Linderung für die Wunden der Industriegesellschaft und produzieren eine neue gesellschaftliche Krankheit: Tourismus. Seine Geschwüre stehen als Hotelketten an allen Küsten, sein Ausfluß ergießt sich alljährlich als stinkende Blechlawine über Autobahnen und bahnt sich seinen Weg überall hin. Kulturen und Konsumgewohnheiten prallen unverstanden aufeinander. Für den Genuß von Exotik bezahlen die Einheimischen mit der Entfremdung von ihrer Kultur. Die da reisen, bezahlen mit Devisen. Mit ihren gutgemeinten Almosen, ihren Andenkenkäufen und ihren Ansprüchen richten sie die örtlichen Märkte der Einheimischen zugrunde. Auch wer reist, um Probleme zu begreifen, greift unausweichlich in die traditionellen Lebensgewohnheiten fremder Gesellschaften ein. Die daran verdienen, sind nicht die Einheimischen. Tourismus ist ein rücksichtsloses Geschäft. Die Betroffenen sind immer weniger dazu bereit, die neue Ausbeutungsform der Überflußgesellschaft hinzunehmen und setzen sich zur Wehr." Dieser Klappentext eines bereits 1986 erschienenen Buches über Tourismus in die Dritte Welt beschreibt kurz und prägnant, wenn auch überzeichnet, die Problematik.

Wie kommen wir also zu nachhaltigem Tourismus? Wie können Urlaubs- entscheidungen mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen in Einklang gebracht werden? Diese Fragen muß sich die Hansestadt Lübeck im Rahmen der Leitbilddiskussion stellen, aber auch jede Lübeckerin und jeder Lübecker.

Zunächst sind Informationsarbeit und "Globales Lernen" im Sinne der Agenda 21 wichtig. Bewußt zu machen ist zum Beispiel die Wahl der Urlaubsregion: Die Entfernung zum Urlaubsort ist von großer Bedeutung für Menschen, Flora und Fauna - lokal und global. Zu diskutieren wäre ferner: Nichts ist schlimmer als fliegen. Jedenfalls läßt sich nach dem neuesten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Chance (IPCC), einer wissenschaftlichen Autorität in Klimafragen, vermuten, daß das Flugzeug der klimaunverträglichste Massenverkehrsträger ist. Es gilt aber auch, Fragen anzuregen wie etwa: Worauf freuen Sie sich bei Ihrer Reise? Wem nützt Ihre Reise? Wem schadet sie? Welche Konflikte löst Ihre Reise aus? Welche Konflikte löst sie?

Andererseits muß die Politik, auch auf kommunaler Ebene, Rahmenbedingungen so setzen, daß den Menschen Urlaubsentscheidungen zugunsten eines nachhaltigen Tourismus erleichtert werden. Dazu gehören die Schaffung eines Wohnumfeldes und von Naherholungsgebieten, die die "Flucht in die Ferne" überflüssig machen. Dazu gehören ferner Preise für Reisen, die die ökölogische und wirtschaftliche Wahrheit sagen, außerdem schärfere Emissionsstandards und die Umweltkennzeichnung von Flugreisen.

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