Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 10. August 1999

200 Jahre Ensemble

Bemerkungen über das Theater in Lübeck (4)

Seit 1799 hat Lübeck ein festes Ensemble. Zum 200jährigen Jubiläum druckt die SZ "Bemerkungen über das Lübecker Theater" von 1804.

Ein nicht minder dringendes Bedürfniß ist Reinlichkeit. In unserem Schauspielhause bemerkt man aller Orten den eckelhaftesten Schmutz. Dieser erstreckt sich auf dem Theater so weit, daß wenn ein Schauspieler kniet, man die Merkmale davon an seinen Kleidungsstücken sieht.

Was nun endlich die Erleuchtung betrift, so dürfte, da solche ohnehin nur schwach ist, allem vorgebeugt werden müssen, was der Wirkung des Lichts nachtheilig ist. So lange es aussen Tag bleibt, sieht man an verschiedenen Orten, und selbst auf dem Theater die Sonne durchscheinen: es entsteht dadurch eine Blendung die so unangenehm als dem Auge nachtheilig ist.

So viel im Algemeinen über das
Aeussere unseres Theaters. Jetzt einige Bemerkungen über den Text der dargestellten Stücke.

Es ist in der That auffallend, daß wir nicht nur von Opern - wenn mehrere Bearbeitungen des Textes vorhanden sind - immer den schlechtesten haben, sondern auch bei Schau- und Lustspie-len der uns vorgetragene Text sehr häufig von dem ächten abweicht. Es werden oft, um die Stücke abzukürzen, ganze Seiten, ja sogar ganze Scenen gestrichen, und dann wieder andere wilkührlich eingeschaltet. Der Nachtheil davon ist für den Verfasser, daß sein Werk durch diese Umänderungen oft verliert, für das Publicum aber dieser: daß während der Zwischenacte nun desto längere Pausen gemacht werden müssen um die Zeit auszufüllen. Während dieser Pausen aber kann das ausser der Oper so schwach besetzte Orchester keine Unterhaltung gewähren. Die Bearbeitung, nach welcher Schillers Don Carlos hier gegeben worden, ist von der Art, daß man nicht Schillers Namen diesem Producte vorsetzen darf, und schwerlich möchte er dieses Mestizenkind für das seinige anerkennen.

Von dem Ifflandischen Schauspiele "die Jäger" ist eine Bearbeitung vorhanden, welche von dem hier gegebenen Texte sehr vortheilhaft abweicht. Hier hören wir den ganzen lezten Act Seufzer und Wehklagen, und sehen den häuslichen Jammer des Oberförsters und seiner Familie. Dergleichen Jammerscenen machen nie günstigen Eindruck, wenn sie lange anhalten . . . Das Singen am Ende des Stücks ist psychologisch unrichtig. Den Augenblick, wo nach tiefem Schmerze hohe Freude folgt, den bezeichnen wir nicht durch Singen eines leichten frölichen Liedes.

"Don Juan" wird hier nach einem Texte gegeben, der kaum schlechter gedacht werden kann. Es giebt einen anderen ungleich Besseren, nach welchem auch viel mehr Handlung in der Oper ist. Der "Don Juan", den wir hier sehen, ist nicht zur Hölle reif. Zwei Verstöße, die leicht vermieden werden könnten, sind die: daß theils Donna Anna und Octavio, nach dem Tode des Gouverneurs in bunter Kleidung und erst gegen Ende des Stücks in Trauer erscheinen, und dann, daß die Rolle der Gemälde, welche Leporello bewahrt und bei der Arie "Schöne Donna dieses kleine Register" etc. aufschlagen sol, hier ganz fehlt und durch ein kleines Buch ersetzt werden muß, dessen Aeusseres wahrlich den angegebenen Inhalt nicht ahnen läßt ...

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