Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 17. August 1999

Geist Reich

Fleischsalat

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Mit und von Jonas Geist

Das Prinzip des Fleischsalats - unverkäufliches, vom Verfallsdatum bedrohtes aus der Verbrauchskette herauszunehmen, zu zerkleinern, andere Gewürze beizugeben und eine verlängerbare Pa-ste, so daß der Gebißlose mitessen, der Geschmacklose vergißt, was er eigentlich ißt und der Arbeitslose das Gefühl hat, an einem gedeckten Tisch Platz genommen zu haben.

Erinnern Sie sich noch, wann er aufkam, der Fleischsalat? Genau parallel zur Bildzeitung. Beides wurde in der Baubude in den genau
14 Minuten der ersten Pause verschlungen. Das eine wurde aus dem frühesten, mir erinnerlichen Plastikdöschen mit aufgepreßtem Deckel herausgelöffelt, das andere, diese Sammlung von Geschichten von Leuten, denen es dreckiger ging als einem selbst oder die was falsch gemacht hatten oder bezahlen sollten für etwas, was sie überfordert hatte - hatte man bis zum Ertönen der Sirene durch, mehr stand absolut nicht drin und als Toilettenpapier war es auch ungeeignet, weil die Druckerschwärze so unanständig färbte.

Der Erfinder dieses Blättchen, ein Hamburger Verleger-Aristrokat, der sich selbst nicht riechen konnte, hatte sich natürlich über die Recycling Problematik noch keine Gedanken gemacht. Noch mal genauer, es handelt sich um in Streifen geschnittene Wurstscheiben, kleingehackte Cornichons und Mayonnaiseschleim aus der Tube oder, genauer, aus der großen Blechdose, kurzum Fleischsalat, gebildet aus einem undefinierbaren Dreiklang, der einem Siegeszug durch die Arbeitswelt antrat - in der BRD natürlich nur. War das eine Erfindung aus dem Elsaß, was mal fest in deutscher Hand war?

Ich habe mein Baupraktikum bei einer Firma abgeleistet, die auf den Namen Knoche & Rumpf hörte, die nach dem Kriege Reihenhäuser für Flüchtlinge mit Flüchtlingen baute, überall auf Brachland am Rande Lübecks. Der Besitzer dieses damaligen Firmensalates, ob es den noch gibt, weiß ich nicht, aber ich gäbe was drum, seine ganze Biographie zu lesen.

Fleischsalat, das Prinzip hat sich längst verbreitert, denn es gibt inzwischen Wortsalat, Bildsalat, Musiksalat. Salate, die uns einhüllen, uns begleiten immer und überall und von morgens bis abends - wir sind im Heute, wir beschreiben etwas, wogegen wir uns nicht mehr wehren können, dessen Wurzel zu finden aber gar nicht so einfach ist. Hier ein erster Anlauf.

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