Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 24. Juli 2019

Ausgabe vom 17. August 1999

200 Jahre Ensemble

Bemerkungen über das Theater in Lübeck (5)

Seit 1799 hat Lübeck ein festes Ensemble. Zum 200jährigen Jubiläum druckt die SZ "Bemerkungen über das Lübecker Theater" von 1804.

Die Polizei auf dem Theater dürfte wol etwas strenger beobachtet werden. Es stört auf eine unangenehme Weise die Illusion, wenn schon vor Anfang des Stückes, Sprützenleute, Arbeitsleute, Soldaten, vor dem Vorhange sich zeigen, aber auch die Statisten in ihren Theateranzügen sich den lieben Angehörigen in den öberen Regionen bemerkbar machen wollen, oder wenn sogleich nach Endigung des Stücks, Musici die etwa in der Schluß-Scene auf dem Theater beschäftiget gewesen vor den Vorhang treten, und ihre Instrumente zuweilen auch sich selbst ins Orchester befördern, oder wenn die Arbeitsleute, welche Versatzstücke auftragen sollen, sich dabei so stellen, daß man die graue Jacke deutlich sieht welche einen Felsen oder Pallast trägt.

Wie weit die Direction berechtiget sey, den Schauspielern über den Vortrag ihrer Rollen Winke zu ertheilen ist dem Verfasser unbekannt. Doch ist voraus zu setzen, daß die Vorschriften über die Beobachtung des Costüm, des Decorum und der Wohlanständigkeit von der Direction annehmen müssen und so mögte diese etwas strenger darauf bestehen, daß die so häufigen Sprachfehler vermieden, und jede Einschaltung von beliebigen Zusätzen, jede nicht zum Stück durchaus gehörende Verunstaltung des Körpers untersaget würde, und um nur eines Umstandes zu gedenken, aufmerksam machen, das es nicht das Criterium eines Mannes von Stande sey, mit dem Hute bedeckt in der Stube zu erscheinen.

Man sieht hier oft den Schauspieler, vorzüglich wenn er einen Officier macht, mit dem Hute bedeckt in einer Stube auftreten und beym Weggehen den Hut noch in der Stube wieder aufsetzen. Beides wird gerade der Mann von Stande am wenigsten thun. Eben so auffallend ist es, wenn hohe Militairpersonen in dem Augenblicke da sie im Zimmer Ordres ertheilen, den Hut aufsetzen, wären auch Damens gegenwärtig. Es ist freilich militairische Sitte, daß der General in dem Augenblicke da er Rapport in seinem Hause annimmt, oder sonst in einer militairischen Function ist, den Degen ansteckt und den Hut zur Hand nimt, keinesweges aber daß er ihn aufsetzet: thäte er letzteres, so würden die zu ihm beorderten Officiers sich sehr beleidiget und zurückgesetzt fühlen, wenn es anders nicht notorisch wäre daß der Mann keine Lebensart hätte, welcher Fall indeß bei einem General sehr selten eintreten dürfte.

Nicht minder unrichtig ist es, wenn ein Schauspieler der einen Bösewicht darstellen soll, seinem ganzen Außeren etwas widriges, zurückstoßendes zu geben sucht. Abgrechnet daß jede Gebrechlichkeit so viel immer möglich ist, von dem Theater verbannet werden, und schon das ästhetische Gefühl dem Schauspieler diese Regel vorschreiben muß, so ist es gerade das einnehmende, anziehende Wesen eines depravirten Menschen welches ihn gefährlich macht. Derjenige Bösewicht der sich durch sein Aeußeres beurkundet, hört auf schädlich zu seyn, weil jeder sich von ihm entfernen und also sein Spielraum sehr beschränkt seyn wird.

So viel zur Beantwortung der zweiten aufgestellten Frage. Es sind mit Bedacht nur solche Mängel gerügt worden, denen leicht abzuhelfen ist. Denn ein Theater welches allen höheren Forderungen der Kunst entspricht können wir nicht verlangen, bevor wir der Direction die dazu unentbehrlichen Hülfsquellen eröfnen; daß aber bei dem iezigen Theaterfond die Direction einen größeren Aufwand sich erlauben könne ist einleuchtend...

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