Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 24. August 1999

200 Jahre Ensemble

Bemerkungen über das Theater in Lübeck (6)

Seit 1799 hat Lübeck ein festes Ensemble. Zum 200jährigen Jubiläum druckt die SZ "Bemerkungen über das Lübecker Theater" von 1804.

Es giebt wenige Theater-Directionen deren öconomischer Etat in derjenigen Ordnung sich befindet, wie es hier der Fall ist, seitdem Herr Löwe dieser Anstalt vorstand. Mit großer Pünctlichkeit werden, wie bekannt, an jedem Sonnabend die Gagen ausbezahlt, und alle übrigen Ausgaben des Theaters mit jener strengen Redlichkeit berichtiget die Herrn Löwe allgemeines Zutrauen erwarb, und ihm auf die wärmste Achtung seiner Mitbürger die gerechtesten Ansprüche giebt.

Wie ist denn nun, ohne bedeutende Aufopferungen der Individuen, ein höherer Grad von Volkommenheit zu erreichen? Es ist in der That eine auffallende Erscheinung, daß in Lübeck wo so viel für die Aufnahme von Instituten verschiedener Art geschieht, das Theater mit derjenigen Kälte angesehen wird als ob es eine uns ganz fremdartige Anstalt sey. Man hört hier so oft von ausserordentlichen Beiträgen für andere Anstalten, kein durchreisender Musiker geht ohne gefüllten Beutel aus Lübeck, für das Theater aber glaubt man alles gethan zu haben wenn man aboniret.

So bleiben denn die Ressourcen desselben immer sehr beschränkt, und wenn die größte Aermlichkeit hie und da aus dem Theater durchblickt, so entschuldiget man diese damit: "Wir können für das was wir geben nicht mehr verlangen." Das ist denn nun freilich sehr wahr, allein warum thun wir so gar nichts, um die Direction in den Stand zu setzen, daß sie uns vollendetere Darstellungen geben könne?

An den Mitteln dazu fehlt es wahrlich in Lübeck nicht, wo der mit Glücksgütern reich begabten Männer so viele sind. Die Direction war bisher zu bescheiden, um ihre Begehrungen höher zu spannen, und erwartete vielleicht daß man unaufgefordert ihr zuvorkommen würde. Allein man scheint in diesem Puncte etwas difficil zu seyn.

Wenn ein Fremder der hier mit ausgezeichneter Artigkeit aufgenommen ist, von seinem freundlichen Wirthe ins Theater geführet wird, und dieser ihn nachher mit selbstgefälligem Lächeln nach seinem Urtheile über unser Theater frägt, so ist es natürlich, daß der Fremde versichert: unser Theater wäre eines der vorzüglichsten.

Man sollte aber doch diesen Anspruch der Courtoisie nur für das nehmen, was er ist, und sich nicht dadurch in den chimärischen Traum wiegen lassen, daß es außer der ordentlichen Einnahme, seiner besonderen Zuschüsse bedürfe, um unser Theater in einem mehr als mitelmäßigen Zustande zu erhalten ...

So viel ist gewiß, wir dürfen uns rühmen, einige vorzügliche Schauspieler zu besitzen, die ihre Rollen nicht bloß memoriren sondern auch studiren. Was aber die äußeren Umgebungen bei unserem Theater betrift, so sind diese von der Art, daß jeder unbestochene Fremde sie mit der Wohlhabenheit nicht wird vereinigen können welche sonst in Lübeck herscht.

Es wäre dieser Dürftigkeit so leicht abzuhelfen, wenn der Staat an der Aufnahme des Theaters ein Interesse zu nehmen anfinge, wenn der Staat unsere Bühne als ein ihn zunächst angehendes Institut betrachtete.

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de