Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 16. Dezember 1997

Die Verkehrsberuhigung trifft keine Schuld

Zum Thema "Handel und Verkehrsberuhigung" werden vor allem Meinungen geäußert. Ich möchte hier ein paar Zahlen nennen, die ich bisher in der Diskussion vermißt habe, und die zeigen, daß Verkehrsberuhigung nicht die Ursache für den beklagten Rückgang des Umsatzes sein kann.

Die Stadt Lübeck hatte 1974 ein sehr umfangreiches Wirtschaftsgutachten in Auftrag gegeben, das Ende 1976 vorlag, aber nie öffentlich diskutiert wurde, weil seine Ergebnisse weder der damaligen Stadtregierung noch einigen maßgebenden Geschäftsleuten in den Plan paßten. Darin hieß es, daß Lübeck zur Zeit (1975) bei 232 000 Einwohnern mit 190 000 Quadratmetern Verkaufsfläche ausreichend versorgt sei.

Die vom Senat der Stadt Lübeck 1993 veröffentlichte Marktanalyse nennt für 1992 nur noch 216 000 Einwohner, aber trotzdem ein Anwachsen der Verkaufsfläche auf 260 000 Quadratmeter, davon 95 000 Quadratmeter in der Altstadt.

Bereits das Gutachten von 1976 warnte vor einer sich steigernden Sogwirkung Hamburgs und kleinerer Städte wie Bad Segeberg, Ratzeburg und Reinfeld. Die Gutachter konnten damals nicht ahnen, in welchem Maße sich außerdem Stockelsdorf und Bad Schwartau später zu Konkurrenten entwickeln würden.

In der Marktanalyse von 1993 fehlen natürlich noch die riesige Erweiterung Karstadts, das seine Verkaufsfläche fast verdoppelt hat, und die Königspassage mit 7300 Quadratmetern Einzelhandelsfläche.

Trotz dieser beiden großen Brocken in der Altstadt liegen die Schwerpunkte der Vermehrung von Geschäftsflächen in den vergangenen Jahren bei den sogenannten Einzelhandelseinrichtungen am Stadtrand, vor allem in Gewerbegebieten. Zwangsläufig mußte also die Zahl der Kunden in der Innenstadt ständig abnehmen.

Wenn dann noch zum Beispiel die Rechtsanwälte fortgehen, weil ihre Klienten keine 100 oder 200 Meter mehr laufen mögen, die AOK mit ihren vielen Besuchern in einen teuren und größeren Neubau außerhalb der Altstadt zieht, obwohl auch die Krankenkassen sparen sollten und bei moderner Verwaltungstechnik immer weniger Raum gebraucht wird - was wird uns bleiben? Die Kneipen- und Drogenszene?

Das Auto jedenfalls, dem wieder die entnervende Suche nach einem fast nirgends vorhandenen Parkplatz in den engen Altstadtstraßen erlaubt werden soll, wird keine neuen Käufer bringen.

Helmut Scholz, Lübeck

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