Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 19. Oktober 1999

Menschenwürdiges Leben trotz hoher Schulden

Die SchuldnerberaterInnen der Hansestadt Lübeck bieten professionelle Hilfe bei finanziellen Nöten an

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Gerd Samuelsen und Eva-Maria Bauer wollen Schuldnern ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.; Foto: M. Lohse

Wer den Weg zur städtischen Schuldnerberatung im Verwaltungszentrum Mühlentor an der Kronsforder Allee 2-6 geschafft hat, hat bereits die größte Hürde genommen. "Die meisten hätten schon viel eher zu uns kommen müssen", sagt Gerd Samuelsen, 47, und seufzt bei dem Gedanken an erfolgte Zwangsvollstreckungen. Seit 1991 berät er Menschen, die keinen Ausweg aus der Schuldenmisere sehen. "Zwei Hauswirtschaftsleiterinnen und zwei Bankkaufleute gehören noch zu unserem Team", ergänzt seine Kollegin Eva-Maria Bauer, ebenfalls Sozialarbeiterin.e

Die Schuldnerberatung ist für all jene da, die so sehr verschuldet sind, daß sie kein normales Leben mehr führen können. "Das ist sehr subjektiv. Wir haben Klienten mit Schulden von 1000 bis 1,5 Millionen Mark", erzählt die 45jährige Bauer. Plötzliche Arbeitslosigkeit, Scheidung oder der Tod des Ehepartners seien oft der Auslöser für die Verschuldung. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Ratsuchenden stetig gestiegen, darunter viele gescheiterte Selbständige.

Warum jemand in diese Lage geraten ist, spielt für die Beratung keine Rolle. "Wir geben allen, die kommen, moralische Unterstützung und weisen auf ihre Rechte hin." Zum ersten Gespräch können Ratsuchende ohne Voranmeldung während der Sprechzeiten kommen. Die Berater klären, wie wichtig das Anliegen ist und was als erstes zur Schadensbegrenzung und zur Existenzsicherung getan werden muß. Oft können noch Leistungen beantragt werden. "Es gibt immer noch genug Menschen, die nicht wissen, daß es Sozialhilfe gibt oder sich scheuen, sie zu beanspruchen", sagt Bauer.

Beim nächsten vereinbarten Gespräch verschaffen sich Schuldner und Berater einen genauen Überblick über Einkommen, feste Ausgaben und den aktuellen Schuldenstand. Der durchschnittliche Klient hat meist mehr als zehn Gläubiger. Nach oben gibt es keine Grenze. Die Schuldnerberater überprüfen juristisch die Forderungen der Gläubiger und bitten sie um Geduld. "Wir erarbeiten, was der Schuldner maximal an Zahlungen leisten kann und erstellen ein Entschuldungskonzept", erzählt Samuelsen. Aus dem Existenzminimum müssen keine Schulden bezahlt werden. "Die Raten dürfen keine neuen Löcher aufreißen." Wenn die Gläubiger mit dem Gericht drohen, zahlen viele Schuldner "Angstraten", die sie sich gar nicht leisten können. Insgesamt sei die moralische Verpflichtung zum Zahlen meist sehr hoch.

Je nach Klient finden die Beratungen wöchentlich oder 14tägig statt. Jeder Schritt wird besprochen, denn die Schuldner sollen ihre Angelegenheiten möglichst selbst regeln. Die Schuldnerberater springen jedoch ein, wenn jemand dies aufgrund psychischer Belastung nicht schafft.

Die meisten Schuldner kommen freiwillig zur Beratung, manche werden von den Gläubigern, Banken oder vom Sozialamt geschickt. "Probleme mit den Finanzen sind immer noch ein Tabu-thema", erklären sich die Berater die Scheu der Betroffenen. Meist sei die Zusammenarbeit gut. "In der Regel haben wir es mit motivierten Klienten zu tun, die ihre Situation ändern wollen." Schwarze Schafe gebe es natürlich auch. Wenn Absprachen nicht eingehalten werden, Klienten die Schuldnerberater nur dazu benutzen, Gläubiger hinzuhalten, um sich woanders neu zu verschulden, ziehen sich die Berater zurück und beschränken sich auf Rechtstips.

"Eine typische Schuldnerkarriere gibt es nicht", sagen Bauer und Samuelsen übereinstimmend. Auffällig sei, daß überwiegend Frauen, vor allem alleinerziehende Mütter und Rentnerinnen zur Beratung kämen. Besonders hoch sei der Anteil der unter 45jährigen Hochverschuldeten. "Der Anteil der Jugendlichen wächst", sagt Samuelsen. Ein verändertes Konsumverhalten und hohe Ansprüche an den Lebensstil seien meist der Grund dafür. "Die Banken machen es denen sehr leicht", beklagen die Berater die großzügige Einrichtung von Dispositionskrediten.

"Wir haben viele Erfolgserlebnisse, weil wir Menschen ganz konkret helfen können", sagen Bauer und Samuelsen. Das sei schwer mit Zahlen zu belegen. Die Anzahl der abgeschlossenen Fälle pro Jahr würde wenig aussagen, weil die Entschuldung oft Jahre dauere. "Wenn Menschen trotz ihrer Schulden ein normales Leben führen können, ist das für uns auch schon ein Erfolg."

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