Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 28. März 2000

Lübeck - Hort der Reifenkiller

Scharfkantiges Streugut nervt Radler - Stadt verwendet künftig anderes Material

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Wenn die Luft raus ist, fährt nichts mehr; Foto: M. Erz

Der Frühling ist da! Mit den Winterdepressionen klingt auch der Zorn von Lübecks radelnder Bevölkerung ab, die sich in den vergangenen kalten Monaten mit einem Übermaß an Reifenpannen herumschlagen mußte. Grund: In Lübeck wird scharfkantiges Streugut eingesetzt, das mühelos durch das Reifengummi dringt und für eine ungewöhnlich hohe nebensaisonale Beschäftigung in Lübecks Radwerkstätten sorgt.

Doch was die Fahrradhändler freut und die Radler nervt, soll es künftig nicht mehr geben. Die Hansestadt etwa gelobt, schonendes Material beim Streuen gegen Glatteis und Schnee einzusetzen.

Per Bike bei jedem Wetter

Ob es schneit, hagelt oder regnet - der echte Radfahrer läßt sich davon nicht abschrecken und fährt auch im tiefsten Winter mit dem umweltfreundlichsten aller Verkehrsmittel zur Arbeit. Es spricht auch nichts da- gegen: Die Industrie bietet atmungsaktive Kleidung, die Radlerinnen und Radler auch im Winter trocken und warm hält. Das Radwegenetz Lübecks ist zwar längst nicht optimal, doch entlang immer mehr Straßen sind mehr oder minder komfortable Radwege ausgewiesen, so daß die Pedalritter einigermaßen geschützt vor Autos fahren können.

Der größte Feind des Radfahrers im Winter ist winzig, heimtückisch und zunächst nicht einmal zu sehen: Das Streugut auf Lübecks Wegen, Kreuzungen und Brücken.

Das Granulat, das beispielsweise die Entsorgungsbetriebe Lübeck derzeit noch verwenden, ist ein bis drei Millimeter klein und stammt aus einem Kieswerk.

Bevor das Granulat zur Minderung der Rutschgefahr auf die Straße kommt, wird es gewaschen und gesiebt, aber nicht abgerundet, so daß die kleinen Steinchen zum Teil äußerst scharfkantig sind. Diese Stück- chen durchdringen normale Fahrradmäntel mühelos und zerstören dann den Schlauch.

Wilfried Gehrke, Abteilungsleiter bei den Entsorgungsbetrieben, kennt das Problem mit den "Winterplattfüßen" seit langem. Früher, als noch das schwarze Granulat aus dem Kohlekraftwerk in Siems gestreut wurde, seien die Beschwerden der Radfahrer noch viel größer gewesen.

Besonders betroffen gewesen sei damals die Post. Deren rund 200 Dienst- räder seien durch Plattfüße häufig lahmgelegt worden, erinnert sich Gehrke. In jüngster Zeit habe es seitens der Post keine Beschwerden mehr gegeben.

Das bestätigt ein Sprecher der Hamburger Abteilung der Deutschen Post AG. In den 62 citynahen Zustellbezirken Lübecks, in denen noch per Fahrrad die Briefe zugestellt werden, seien die Dienstfahrräder mit hochwertigen, relativ massiven Fahrradmänteln ausgestattet worden. Aufgepumpt mit einem Druck von gut vier Bar seien die teureren Decken nun weit weniger plattfußanfällig.

30 Plattfußverursacher

Recht massive Probleme mit dem fiesen Granulat hat hingegen die Fahrradstaffel der Lübecker Polizei. Obwohl die Radpolizisten auf grobstolligen Mountainbikes Streife fahren, durchdringen die scharfen Kiesel die Manteldecken. Im extremsten Fall wurden aus einem einzigen Reifen bis zu 30 dieser Plattfußverursacher gepult. Die Beamten, die jährlich einige tausend Kilometer auf den Rädern abspulen, berichten ihrerseits von zahlreichen Radfahrern, die gerade im Winter große Probleme mit dem zerstörerischen Streugut haben.

Genervte Radler wenden sich bei Pannen auch direkt an die Entsorgungsbetriebe, berichtet Gehrke. Er verweist allerdings darauf, daß sich die Radler auf die Unbilden des Winters einstellen müßten, wie die anderen Verkehrsteilnehmer auch. "Ein
Rennrad ist kein adäquates Fahrzeug für den Winterbetrieb", meint der für die Straßenreinigung und den Winterdienst zuständige Abteilungsleiter mit Blick auf die zumeist profillosen und dünnen Reifen dieser Sportgeräte.

Die Entsorgungsbetriebe, die im übrigen nicht die einzigen sind, die im Winter streuen, hätten bei der Wahl des richtigen Streugutes immer das gleiche Problem: Salz ist laut Satzung nicht erlaubt und Sand oder Kies müßten wirksam sein. Runde Steine hätten jedoch eine erheblich geringere abstumpfende Wirkung.

Ab jetzt: feiner Sand

Im nächsten Winter sind übermäßig viele Plattfüße vielleicht kein Problem mehr. Dann werden zumindest die Entsorgungsbetriebe einen feinen Sand mit einer Körnung von gerade mal einem Millimeter streuen. Zu welchen Mitteln private Hausbesitzer greifen oder Dienstleistungsfirmen, die den Winterdienst für größere Hausanlagen übernehmen, ist nicht bekannt.

Was bleibt dem Radler? Der Gang ins Fachgeschäft. Beim Händler gibt es entsprechende Spezialmäntel. Die kosten rund 40 Mark und damit gut doppelt soviel wie normale Reifen.

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