Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 28. März 2000

Es braucht Mut, so offen zu sein

Jugendliche beschäftigen sich mit "Freundschaft, Liebe, Sexualität und mehr..."

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Sandra Albert (li.) und Heike Schüttler sind zwei der Initiatorinnen des Projekts; Foto: M. Rulfs

Von sexueller Aufklärung haben die meisten Jugendlichen genug. Wieder und wieder werden sie über die Funktionen männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane, über verschiedene Verhütungsmittel und über Geschlechtskrankheiten informiert. Etwas anderes wollte die Projektwoche "Freundschaft, Liebe, Sexualität und mehr...". Hier sollten die Fragen im Vordergrund stehen, die 14- bis 16jährige selber stellen.

Organisiert von Sandra Albert von der Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten des Gesundheitsamtes Lübeck, haben acht Männer und Frauen die Woche gemeinsam vorbereitet. Sie kommen von der psychosozialen Beratungsstelle für Frauen und Mädchen (BIFF), von Pro Familia, von der Lübecker Aids-Hilfe, vom Verein Na sowas (Info- und Beratungsstelle für lesbische, schwule und neugierige Jugendliche) oder sind freiberufliche Sexualpädagogen. Eine Woche lang trafen sie sich vormittags mit vier Klassen der neunten Jahrgangsstufe der Integrativen Gesamtschule (IGS) Buntekuh, um mit ihnen außerhalb der Schule, ohne Lehrer und Lehrerinnen - und vor allem ohne Noten - das Thema zu behandeln.

Jeweils ein Pädagogen-Paar kümmerte sich um eine Klasse. Auf Fragebögen hatten die Jugendlichen angekreuzt, was sie besonders interessierte: "Das erste Mal", "Ona-nie", "erotische Gefühle", "Schmetterlinge im Bauch", "Ich bin total verknallt in Dich" und "Pornographie".

Einen Teil der Zeit verbrachten die Mädchen und Jungen in getrennten Gruppen, um ohne das andere Geschlecht freier reden zu können. Um ihre Scheu zu überwinden, einigten sie sich zudem auf Verhaltensregeln wie: "Keine dummen Sprüche", "Lachen erlaubt", "Niemand wird ausgelacht", "Es darf alles gefragt und gesagt werden", "Es gibt keine blöden Fragen."

Obwohl ein Ziel der Woche war, offen miteinander zu sprechen, waren die Betreuer doch überrascht, wie mutig sich die Jugendlichen äußerten, wie gut es ihnen gelang, ihre Scheu zu überwinden und wie engagiert sie bei der Sache waren.

Thomas Rattay von Pro Familia sagte bei der Auswertung der Projektwoche: "Es braucht wirklich Mut, Dinge zu tun, zu sagen und zu fragen, die auch brisant sind. Das ist ihnen gelungen."

Die Betreuerinnen und Betreuer hatten nicht erwartet, was für eine große Rolle der Wunsch nach einer stabilen Beziehung, nach Heirat, nach Familie und nach einem sicheren Beruf bei den Jugendlichen spielt.

Kein Ausprobieren

Als eine Mitschülerin sagte: "Ich bin 16, ich will mich erst mal ausprobieren, ich weiß noch nicht, wo es langgeht", reagierten viele Jungen und Mädchen ablehnend. Für sich wollten sie keine Ungewißheit und kein Ausprobieren.

Ein Betreuer wiederum wunderte sich, daß auch Jungen sehr romantische Vorstellungen hatten, die gar nicht zu ihrem äußerlich ruppigen Verhalten paßten. Gleichzeitig sagten die Jungen klarer als die Mädchen, daß Sexualität für sie zu einer Beziehung dazugehöre. Bei den Mädchen hingegen spiele das Sich-Verstehen und die Treue eine größere Rolle. Dem widersprach allerdings eine Betreuerin. In ihrer Mädchengruppe sei auch viel über den Wunsch nach Zärtlichkeit, nach Berührung und nach sexuellen Kontakten geredet worden.

Die Gruppen arbeiteten mit unterschiedlichen Methoden: Sie unternahmen Phantasiereisen, machten Rollenspiele, massierten sich, sahen Filme oder schrieben Briefe.

Kennen reduziert Vorurteile

Vertrauen entstand zudem dadurch, daß die BetreuerInnen von sich selbst erzählten, von ihren Beziehungen, ihrer sexuellen Orientierung und von ihrer Art zu leben. "Es war gut für die Jugendlichen, von außen zu hören, was für andere Beziehungsformen es gibt, außer denen, die als normal angesehen werden", so Heike Schüttler von BIFF. "Kennen reduziert Vorurteile. Ich glaube, es ist uns gelungen, Respekt vor anders denkenden, fühlenden und lebenden Menschen zu wecken."

Die beteiligten Fachleute waren sich einig, daß die Woche sehr erfolgreich war, aber zugleich großen organisatorischen Aufwand erforderte. Sie lobten vor allem die Bereitschaft der Schule, für das Projekt auf eine ganze Woche Unterrichtszeit zu verzichten. Auch ohne Unterricht hätten die Jugendlichen viel gelernt und sehr viel geleistet. Sie seien nie zu spät gekommen, wollten kürzere Pausen und immer weiter reden, berichteten die Betreuerinnen.

Im Juni wollen sich Erwachsene und Jugendliche noch einmal treffen, um über das Projekt zu sprechen.

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