Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 28. März 2000

"Das Projekt ist einfach spannend"

Hans-Joachim Groß ist der eigentliche Macher hinter der Lübecker Stadtzeitung -Verlagschef in Mecklenburg

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"Manchmal habe ich das Gefühl, daß erst Auswärtige den Lübeckern ihre Stärken nahebringen müssen." Hans-Joachim Gross, Verlagsleiter aus Sietow an der Müritz

Ruhelos - immer in Aktion. Die Lust am Bauen und am Aufbau. Drang zu neuen Ufern. Verschieben von Grenzen. Abenteuerlust. Ein Hang zu Visionen. Energisch - zuweilen auch autoritär: Unternehmerfähigkeiten im kolportierten Sinne sind es, die den Mann hinter der Lübecker Stadtzeitung charakterisieren.

Für Hans-Joachim Groß sind dies dennoch Fremdworte, weil er über sich nur äußerst ungern redet und noch viel weniger möchte, daß über ihn etwas Persönliches geschrieben wird. Und doch muß es sein, will man das Phänomen Lübecker Stadtzeitung verstehen und etwas über diejenigen erfahren, die das Bürgerblatt vor zweieinhalb Jahren aus der Taufe gehoben haben.

Von Preußen, einem Weinland und
Kaiser Wilhelm I.

Der Mann mit dem energischen Blick, von dem im Folgenden die Schreibe sein soll, ist Rheinländer, genauer gesagt "Moselfranke", wie er selbst stolz sagt. Geboren vor 43 Jahren an den Ufern des europäischen Stromes, des "Vater Rhein". In Vallendar, einem Kleinstädtchen und Wallfahrtsort ("Schönstadt") in Sichtweite des Deutschen Ecks bei Koblenz, wo sich die aus dem Lothringischen kommende Mosel mit dem Rhein vereint. Von dort grüßt Kaiser Wilhelm I. hoch zu Roß gen Norden - ein in "Bronze gegossener Trumm von Standbild" (Kurt Tucholsky), neu gestiftet und gegen alle Widerstände durchgesetzt von einem Verleger der lokalen Monopolzeitung - einem Blatt, von dem noch zu reden sein wird. Ein Weinland, katholisch dazu, in dem mit Begeisterung auch Bier gebraut und getrunken wird.

Groß gehört demnach zu derjenigen Spezies von Menschen, die am Wasser geboren ein Faible für den Norden und seinen Wasserreichtum haben. Die gebannt an den Ufern der Ostsee verharren, wenn sie erst einmal bis nach Travemünde gekommen sind. Wie wir wissen, bestand ein nicht geringer Teil von Lübecks Gründergeneration aus Rheinländern, deren Umtriebigkeit und kaufmännische Talente sich aufs vortrefflichste paarten mit den Pfunden, die von Münsterländern, Holländern und Zuzüglern vom Niederrhein auf Geheiß von Heinrich dem Löwen an die Trave transplantiert wurden und später zu "Hanseaten" mutierten.

Ein Mann der Tat, der weitgefächerte Fähigkeiten mitbringt

Daß "Hanseaten" auch ein spezielles Gebäck des Nordens sind, hat Groß bei seinen zahlreichen Besuchen in Lübeck inzwischen gelernt. Denn der Macher der Lübecker Stadtzeitung lebt in Mecklenburg, genauer in Sietow bei Waren an der Müritz, wohin er sein Motorboot vom Rhein mitgenommen hat. Und seine "Schaffer"-Mentalität, wie man im Taunus, Hunsrück, Eifel und Westerwald, den Mittelgebirgen seiner Heimat, sagt. Mit dieser hat er innerhalb der vergangenen acht Jahre nicht nur eine prosperierende Verlagsniederlassung auf die Beine gestellt, sondern sein repräsentatives Eigenheim errichtet - eigenhändig an Wochenenden und an den wenigen Urlaubstagen, die ihm blieben. Ein Mann also, der sowohl mit Gutenbergs Setzerhaken und mit modernen Rotationsdruckmaschinen umzugehen weiß, als auch mit gewöhnlicher Maurerkelle und ordinärer Betonmischmaschine. Inzwischen sind Fähigkeiten im Umgang mit Pampers-Windeln hinzugekommen, Söhnchen Friedrich (11 Monate) profitiert von den weitgefächerten Fähigkeiten des dynamischen Papis.

Zur Lübecker Stadtzeitung kam Groß wie die Jungfrau zum Kinde. Im Frühjahr 1997 hatte die Hansestadt im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaft die Verlagsleistung für ein zu gründendes "Kommunales Mitteilungsblatt mit amtlichem Bekanntmachungsteil" ausge- schrieben. Groß, dessen Verlag sich als Marktführer auf diesem Gebiet betrachtet (siehe Stichwort), bewarb sich, bot die mit Abstand günstigsten Konditionen und bekam nach einem aufwendigen und kräftezehrenden Wettlauf, an dem sich auch Lübecker und Hamburger Verlage beteiligten, den Zuschlag.

Von da an war er ein enger Partner des städtischen Presseamtes, das als Herausgeber fungiert und den Auftrag hat, das redaktionelle Konzept zu entwickeln und dem Verlag einmal wöchentlich die fertigen Inhalte für ein Blatt zu liefern, das in einer Auflage von rund 110 000 Exemplaren seit dem 17. November 1997 auf den schon zuvor erwähnten Rotationsdruckmaschinen an der Müritz gedruckt und expediert wird.

Der Zufall führte zwei Landsleute vom
Rhein zusammen

Daß der Leiter des Presseamtes "Landsmann" von Groß ist und man lediglich vier Kilometer voneinander entfernt aufwuchs (sich aber erst in jenem Jahr in Lübeck erstmals begegnete) war dem Projekt, das Groß heute noch als "einfach spannend" bezeichnet, nicht im Wege. Eher im Gegenteil. Man spricht "süddeutsch", wie die Lübecker nicht ohne Sympathie sagen. In Idiomatik und einer Aussprache, die Zischlaute liebt. Geeint im Engagement für eine Stadtzeitung - somit beinahe eine Süddeutsche Zeitung (SZ).

Was Groß danach mit seiner Neuerwerbung "Lübecker Stadtzeitung" widerfuhr, zwang den gestählten Machertypen zwar keineswegs in die Knie, führt aber noch heute zu einem tiefen Atemholen. "Manchmal habe ich das Gefühl, daß erst Auswärtige den Lübeckern ihre Stärken nahebringen müssen", sagt er. Und meint damit weniger sich selbst, als jene Touristen, die vor Erscheinen der ersten SZ-Ausgabe im Herbst 1997 ratlos vor dem denkmalgeschützten Rathaus standen und die dort feilgebotenen Parolen studierten wie "Wir wollen kein Amtsblatt!", "Weg mit dem Propaganda-Blatt des Bürgermeisters!". Ein Rätsel vor allem für Gäste aus dem benachbarten Mecklenburg-Vorpommern, wo allein Groß mit seiner Niederlassung 80 kommunale Zeitungen ("Bürgerzeitungen") herausgibt. Oder auch für Touristen aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern, wo "jede Milchkanne ein Amtsblatt hat", wie Insider witzeln und noch nie ein Bürger auf die Idee gekommen ist, Front zu machen gegen zusätzliche kostenlose Informationen aus dem Rathaus.

Was die Touristen verwunderte und Groß noch heute nachhaltig ärgert, ist jene halsstarrige Ignoranz gegenüber Fakten und die versteckte, unbegründete und für ihn auf rätselhaften Emotionen beruhende Ablehnung des "größten Objektes" der gesamten Verlagsgruppe. Sie herrschte in der Startphase vor und macht zuweilen seinen Leuten in der Verlagsniederlassung in der Krähenstraße 32 bis 34 noch heute das Leben schwer.

"Unkaufmännisch", pflegt Groß diese nur schwer auszurottende Ablehnung lübscher Geschäftsleute zu nennen, die freiwillig auf eine erstklassige und preiswürdige Insertionsmöglichkeit verzichten und völlig übersehen, daß Wettbewerb im Anzeigenmarkt vor allem ihnen selbst zugute komme. "Man kann es nicht oft genug sagen", betont Groß. "Nicht der Steuerzahler finanziert die Lübecker Stadtzeitung, sondern allein wir."

Groß kann regelrecht nickelig werden, wenn dies ignoriert wird und in Lübeck von einem "aus Steuergeldern finanzierten Amtsblatt" die Rede ist. "Das wird auch nicht dadurch wahr, daß es wiederholt wird", sagt Groß und verweist auf die Grundlagen des Lübecker Projektes, das zu Konditionen gemacht werde, die deutschlandweit keine andere Großstadt genieße: Das städtische Presseamt liefert lediglich Texte, Fotos und Seitenentwürfe - alles andere - inklusive finanzielles Risiko - übernimmt der Verlag.

Und das ist nicht wenig: Redaktionstechnik, digitaler Umbruch, Druck, Auslieferung, Zustellung an alle erreichbaren Lübecker Haushalte, Verschickung, Leserservice und eine eigene Geschäftsstelle verursachen jährliche Kosten von rund 1,5 Millionen Mark, die Groß auf eigenes Risiko mit seinen Leuten über Anzeigenverkauf erwirtschaften muß. "Meines Wissens hat keine andere Gemeinde ein für den Steuerzahler derartig kostengünstiges Projekt auf die Beine gestellt." Großstädte, wie Leipzig, Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe und Trier bezahlten zusätzlich zu den Redaktionskosten bis zu siebenstellige Druckkostenzuschüsse für ihre Wochenzeitung an die Vertragsverlage - Lübeck jedoch keinen einzigen Pfennig. Die Hansestadt könne wirklich stolz auf sich sein. "Und natürlich auf uns" - fügt er hinzu.

Wie es überhaupt dazu kam, daß es in Deutschland rund 3500 kommunale Zeitungen und Amtblätter gibt, liegt in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Zeitungswesens begründet, die unter einer heute als falsch
erkannten Pressepolitik der
Besatzungsmächte in Westdeutschland litt. Sie endete in der

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