Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 20. Juni 2000

GeistReich

Der Pausenclown

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Mit und von Jonas Geist

Wer neigt nicht zu kleinen Clownerien zur Überbrückung toter Stunden, und weil er sonst kein Publikum hat. Verbreitet ist diese verschüttete Grundeigenschaft, die Dinge nicht ganz so ernst zu nehmen, besonders bei Dienstleistern aller Schattierungen.

Das eine Extrem ist das Rumblödeln bei Busreisen und Vereinssitzungen, das andere Extrem sind diejenigen, die einen

Witz nach dem anderen erzählen müssen und sich an den

Grimassen der Zuhörenden weiden, egal, ob die Ostfriesen, die

Blondinen, die Bayern oder andere Randgruppen dran sind.

Man muß dabei nur die schmerzverzerrten Gesichter der wider Willen beteiligten Frauen studieren, dann merkt man, es ist eine rein männliche Eigenschaft, die spazieren geführt wird: die Angst vor der Leere, das Weglaufen vor dem eigenen Ich, das sonst Farbe bekennen würde, das Profil haben müßte wie die Reifen der eigenen Räder, das Gedanken aussprechen müßte, die ein "common sense" zerschellen würden.

Der Status des Angestellten macht es einem auch nicht leicht. Wenn man heute beobachtet, wie Männer mit ihren Handys herumfuchteln, es gesprächsweise geschickt auf das Thema Computer bringen, um in der Produktpalette schwelgen zu können, die Börsennotierungen wie nebenbei zum Besten geben, obwohl sie sie nur beim Rasieren im Radio von

gestern gehört haben, so merkt man, daß der stumme Begleiter des Pausenclowns der Bildungstiger ist, zu dem sich schnell der jeweils eigene, aber noch nie gesehene Schweine- hund gesellt, der innere, den jeder hat, der das trägt, was man eigentlich wollte, so daß die Dreifaltigkeit zusammen ist, gewissermaßen die private Variante der öffentlichen: der Pausenclown, der Bildungstiger und der innere Schweinehund.

Ob es Verwandschaftsverhältnisse unter ihnen gibt, etwa, daß der eine der Vater oder der Sohn des anderen ist? Mit dem Abstand von nun schon 2000 Jahren schwer zu sagen.

Denn das ist bestimmt so - jeder trägt auch seine eigene Last, alles andere sind Haltungsschäden, und die wird man nur los durch das schiere Gegenteil, durch Flagge zeigen, Ansichten haben und Begründungen liefern, die in den eigenen und nicht in übernommenen oder nur aufgeschnap- pten fremden Erfahrungen begründet sind.

Aber das stößt eben mit der gesellschaftlichen Realität zusammen: Wenn keine Arbeit da ist, die Sinn hat, kann man auch keine Erfahrung mit dem Umgang von Material, Dingen, Menschen machen, und man wird immer abhängiger von dem, was man von anderen oder aus anderen Verhältnissen aufschnappt.

Nicht gebraucht zu werden, ist eine harte Strafe - aber wir sind ganz vom Thema abgekommen - und ich bewundere zutiefst wirkliche Clowns und erinnere mich gerne an unsere Versuche, als Schüler im Ka-tharineum Kabarett zu spielen, die Verhältnisse, die uns nach dem verlorenen Krieg umgaben, durch den Kakao zu ziehen. Ob es noch jemanden gibt, der sich daran erinnert?

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