Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 26. Juni 2000

Junghans kaum noch zu halten

Wird die Stelle des Wirtschafts- und Sozialsenators noch einmal ausgeschrieben?

1310101.gif
Die Tür zum Rathaus steht Hermann Junghans wohl auch künftig nur als Bürgerschaftsmitglied offen.; Foto: M. Rulfs

Die größte Überraschung in dieser Woche wäre, wenn Hermann Junghans, CDU, am Donnerstag von der Bürgerschaft zum Wirtschafts- und Sozialsenator gewählt werden würde. Seit der 35jährige Ende Mai von seiner Partei offiziell für diesen Posten nominiert wurde, mehren sich die Stimmen, die diese Entscheidung für falsch halten. Am Montag abend wollte die CDU-Fraktion noch einmal darüber abstimmen, ob Junghans Kandidat bleibt oder die Position entgegen der ursprünglichen Planung noch einmal ausgeschrieben wird. Bei Redaktionsschluß dauerte diese Sitzung noch an.

Angesichts der wachsenden Kritik insbesondere aus den Reihen der eigenen Partei sowie aus der Wirtschaft wird allgemein damit gerechnet, daß die zweite Variante beschlossen wird. Fraglich bleibt danach nur, ob Junghans freiwillig verzichtet oder von seiner Fraktion zurückgezogen wird. Junghans war für die SZ vor der Sitzung am Montag nicht zu erreichen.

Eine neue Sachlage

Klaus Puschaddel, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft, jedenfalls sieht nur diese beiden Möglichkeiten. Angesichts der Kritik der Wirtschaftsverbände, so Puschaddel, gäbe es zwar keine neue Beschlußlage, "aber eine neue Sachlage." Diese müsse gemeinsam mit dem Kandidaten bewertet werden. Und dann müsse eine Entscheidung getroffen werden. "Zur Tagesordnung kann man nicht einfach übergehen", so Puschaddel. Die Demontage des eigenen Kandidaten offenbart die innerparteilichen Querelen, die auch nach dem Kreisparteitag nicht beendet werden konnten.

Auch der Kooperationspartner SPD ist mittlerweile wenig erfreut über das Gerangel um den Kandidaten. "Die CDU ist in der Verantwortung, uns einen akzeptablen Kandidaten zu präsentieren", so die Fraktionsvorsitzende Gabriele Hiller-Ohm. Angesichts des bisherigen "unglücklichen Managements" dieser Personalfrage sei eine Zustimmung zu Junghans "für uns fast unmöglich." Denn das werfe ein schlechtes Bild auf die Bürgerschaft insgesamt. "Leider ist das ja nicht das erste Mal", erinnert Hiller-Ohm an die Nominierung von Umweltsenatorin Dr. Beate Hoffmann als CDU-Bürgermeisterkandidatin, die dann einige Wochen später zurückgezogen wurde.

Hermann Junghans wurde bereits seit März als möglicher Senatorenkandidat für das neu zusammengestellte Ressort "Wirt- schaft und Soziales" gehandelt. Im Mai wurde er dann von seiner Fraktion offiziell nominiert. Und seitdem wird Kritik an Junghans laut. Ein Dringlichkeitsantrag in der Bürgerschaftssitzung Ende Mai mit dem Ziel, Junghans zu wählen, wurde von SPD und Bündnis 90/Die Grünen zurückgewiesen. Begründung der SPD: Man kenne den Kandidaten nicht gut genug, insbesondere seine Vorstellungen im Bereich Soziales seien unklar. Er solle sich vor einer Wahl erst noch einmal vor der SPD-Fraktion vorstellen.

Dann wurde Junghans' Privatleben Gegenstand öffentlicher Diskussionen. So wurde ihm beispielsweise vorgeworfen, ein außereheliches Verhältnis zu haben. Außerdem hieß es, Junghans habe 1998 auf einer Parteiversammlung zwei Frauen sexuell belästigt.

Junghans hat diese Vorhaltungen umgehend zurückgewiesen (die SZ berichtete), gleichwohl forderten jetzt immer mehr Parteifreunde "Erklärungen" des Kandidaten. Diese hat es aber bisher wohl nicht gegeben.

Schließlich folgten die Aufforderungen, die Kandidatur zurückzuziehen. Ekko Eymer, Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes St. Gertrud etwa hielt Junghans vor, keine ausreichenden wirtschaftlichen und sozialen Fähigkeiten zu besitzen. Und das Parteimitglied Hans-Lothar Fauth, lange Jahre selbst Mitglied der Bürgerschaft, schrieb in einem offenen Brief, "die Wahl des CDU-Kandidaten Hermann Junghans als Wirtschafts- und Sozialsenator wäre ein Skandal und ein Affront gegen die Lübecker Wirtschaft."

Fauth forderte daher Junghans auf zurückzutreten. "Mach' es nicht wie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und laß' dich nicht abwählen", so Fauth in seinem Schreiben.

Der so Gescholtene schlug kräftig zurück. Das sei der letzte Aufstand eines Teils der Ende 50jährigen, wird Junghans in den Lübecker Nachrichten zitiert, die "mittelfristig sowieso nicht mehr dabei sein" würden.

Doch damit hat sich Junghans einen Bärendienst erwiesen. Sein Fraktionskollege Peter Sünnenwold etwa mahnt, daß Junghans nicht vergessen solle, "daß 50 Prozent seiner Wähler zu dem von ihm gescholtenen Personenkreis gehört." Junghans solle lieber die Vorwürfe entkräften, bevor er andere angreife - und im übrigen mit seinem Rücktritt "weiteren Schaden von der Partei abwenden."

Wenn die Senatorenstelle neu ausgeschrieben werden sollte, dann wird wegen der Sommerpause über die (Neu-)Besetzung frühestens Ende September entschieden.

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de