Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 26. Juni 2000

GeistReich

Lübeck am Morgen

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Mit und von Jonas Geist

Die Straßen gehören noch nicht den Autos, und ganz früh auch nicht den Menschen, sondern den Vögeln, die sie ganz ungestört noch untersuchen.

Amseln untersuchen die bemoosten Fugen, zwischen den sich wölbenden Pflastersteinen. Spatzen stochern in weggeworfenen Bäckerei-Tüten nach Krümeln, vom unablässigen Piepsen der durchgebrachten Brut begleitet und Tauben inspizieren die Trottoirs nach Aufpickbarem.

Durch diese Fauna watet man zum Beispiel im Fegefeuer, und wenn man den Blick nicht erhebt, sondern senkt wie ein Trüffelschwein, dann sieht man selbst das Achtlose: die Kippen, die Stummel, die ausgetretenen Zigaretten, die Quittungen, Preisschilder, die Kassenbons, die aus den Tages- zeitungen gefallenen Reklamebeilagen und die Spuren der Sonderangebote, bis hin zu ganz einfach abgestellten Gegenständen, die eine ganz eigene Textur, eine eigene Oberfläche bilden.

Vorhöllen der Zivilisation stecken in den Ritzen, in den Schründen der Straßen und ihres Profils.

Würde man sich im Fegefeuer noch früher einfinden und sich wie auf dem Anstand verhalten, würde vielleicht der Marder in die Straße einbiegen und unter den Autos nach seinem Leckerbissen suchen, den roten Benzinschläuchen; kämen Wasserratten die Gruben herauf; würde sich vielleicht ein vereinsamter Biber herumtreiben und von dem Hund eines Frühaufstehers, der die Domwiesen regelmäßig aufsucht, gejagt, ehe er wieder im "Amazonas Schleswig-Holsteins, der Wakenitz" verschwindet.

Ein Vergleich, in den sich die Zeitschrift "Geo" hineinsteigerte - der Fluß, an dem ich lernte, die Natur zu beobachten, im Schilf den Hecht stehen sah und wo ich auf dem Bootssteg liegend die Wasserkäfer beobachtete und fern die Schilfrohrdommel hörte.

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