Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 26. Juni 2000

Die Zeichenkunst der Goethezeit

Museum Behnhaus erhält private Sammlung von 300 wertvollen Blättern

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Julius Schnorr von Carolsfeld: "Italienische Landleute"

Lübecks Museen werden derzeit reich bedacht:Nach dem Ankauf des neueren "Silberschatzes" kommt nun auch noch eine Dauerleihgabe von mindestens gleich großer Bedeutung und Qualität hinzu - Handzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Am gestrigen Montag wurden die rund 300 Blätter eines privaten norddeutschen Sammlers - der nicht genannt sein will - in einer Feierstunde dem Museum ausgehändigt. Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave und Kultursenator Ulrich Meyenborg übergaben die Arbeiten an Museumsdirektor Dr. Thorsten Rodiek. Zugleich wurde im Behnhaus eine exklusive Kabinett- Ausstellung mit 40 der wertvollen Werke eröffnet.

Bedeutende Künstler

Es handelt sich hierbei um Handzeichnungen von so bedeutenden Künstlern wie Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge, Adrian Ludwig Richter, Peter Cornelsen, Moritz von Schwind, Karl Friedrich Schinkel, Johann Christian Reinhart und Julius Schnorr von Carolsfeld. "Mit dieser Schenkung", freut sich Dr. Brigitte Heise, "sind wir mit einem Schlag in den ersten Rang der Häuser mit Zeichenkunst der Goethezeit aufgerückt - und zusammen mit dem reichen Bestand, den wir bereits haben, können wir jetzt die Entwicklung und alle Stationen zwischen 1750 und 1850, vor allem der Romantik, lückenlos belegen."

Ein kleiner Titel dieser Zeichnungen ist den Kunstfreunden in Lübeck und außerhalb bereits in zwei Ausstellungen (1991 und 1999) zugänglich gemacht worden - nunmehr bereichert die ganze Sammlung die Hansestadt. Neben Landschaften, Porträts und biblischen Szenen spielten die Illustrationen literarischer Werke im Zeitraum zwischen den Jahrhundertmitten eine bedeutende Rolle. Mehr als in den Gemälden, die häufig noch Auftragsarbeiten für Kirche und Adel waren, wird in der Zeichnung das Wesen der Epoche deutlich, die, wie Friedrich Schle- gel es prophezeite, "zu einer Gährung unter Wissenschaften und Künsten " führen sollte. Und Moritz von Schwind erklärte 1869 in einem Brief: "Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß in unserer Zeit des Wichtigen und Gedankenreichsten mehr in den Handzeichnungen niedergelegt ist als in Bildern."

In jener Zeit, die allgemein als Goethezeit bezeichnet wird, lösen Romantik und Frührealismus das Rokoko, die Aufklärung und den Klassizismus ab. Die allmähliche Veränderung steht für den Prozeß der Individualisierung des Künstlers - und eben in den Handzeichnungen konnte er unkonventionelle Wege erproben. Das ist am privaten, intimen Charakter der Porträts ebenso zu erfahren wie am individuellen Naturstudium und dem intensiven Prozeß der Bildfindung bei religiösen Motiven.

Zwei Serien

Das ist nunmehr gründlich im Museum Behnhaus/Drägerhaus zu studieren. Doch man kann sich auch ganz einfach erfreuen an diesen "Meisterblättern der Romantik", die hier in den kommenden Wochen bis zum 13. August gezeigt werden (dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr). Mitte Juli werden die ersten 40 Handzeichnungen gegen eine zweite Serie ausgewechselt, denn, so Brigitte Heise, "wir müssen sie schützen - sie sind zum größten Teil noch absolut farbecht!"Güz

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