Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 17. Juli 2019

Ausgabe vom 24. Oktober 2000

"Die schärfste Waffe ist das Wort"

In der Lübecker Innenstadt sind täglich zivile Ermittler unterwegs - Schwerpunkt:Drogenkriminalität

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Durchsuchung eines Drogenabhängigen; Fotos): T. Wewer

Manfred Jäck, Lars Görs und Stefan Melahn biegen aus der Straße Balauerfohr ein in die Krähenstraße. Sie gehen ohne Hast in Richtung Rehderbrücke. Die drei Männer sind ins Gespräch vertieft. Ihre Hände haben sie an diesem kühlen Oktobermorgen in den Taschen ihrer Jeanshosen vergraben. Plötzlich bleiben sie stehen und beobachten eine Gruppe von sieben Personen auf der anderen Straßenseite, die dort scheinbar gelangweilt herumstehen, einige haben sich auch an die Hauswand gelehnt. Die Männer sind ebenfalls ins Gespräch vertieft. Jeder von ihnen hat eine Bierdose in der Hand. Jäck, Görs und Melahn wechseln die Straßenseite, gehen zielstrebig, aber ohne Hast, auf die Personengruppe zu. "Hallo Manni", begrüßt einer aus der Gruppe den ältesten der drei Männer. "Hallo", grüßt dieser zurück. Doch "Manni" will sich augenscheinlich nicht auf ein Gespräch mit seinem Gegenüber einlassen. Er interessiert sich für einen dunkelhaarigen, hageren Mann, der an der Hauswand lehnt. "Ihren Ausweis bitte", sagt Manfred Jäck bestimmt. Der Mann kommt der Aufforderung nach, Jäck gibt das Papier seinem Kollegen Stefan Melahn weiter, der sich ein Stück weit von der Gruppe entfernt und zum Handy greift. Nach kurzer Zeit gibt er dem Mann den Paß wieder zurück. "Alles in Ordnung".

Personenüberprüfung - Alltag für die Polizeibeamten der zivilen Ermittlungsgruppe des ersten Polizeireviers in der Mengstraße. Täglich sind die insgesamt sechs Kollegen in der Lübecker Altstadt unterwegs. Sie sind zur Stelle, wenn es einen Ladendieb oder Handtaschenräuber zu fassen gilt oder greifen sich per Haftbefehl gesuchte Straftäter, die sich im Innen- stadtgewühl sicher gefühlt haben. "Wir müssen natürlich jede Straftat bearbeiten", erläutert der Polizeikommissar Man- fred Jäck, 53. Aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Drogenkriminalität, das heißt vor allem der Handel mit illegalen Drogen und die damit zusammenhängende Beschaffungskriminalität. Deshalb gehört zur täglichen Tour die Überprüfung der Drogenabhängigen, die sich am Kohlmarkt, am Klingenberg, vor allem aber am Krähenteich aufhalten.

Ein Mann mit roter Jacke versucht, sich von der Gruppe in Richtung der Grünanlagen an der Rehderbrücke zu entfernen. Sofort setzen die Beamten ihm nach, stellen ihn in einem Gebüsch und durchsuchen ihn. Das Spritzbesteck liegt noch auf dem Boden, aber Drogen hat er nicht bei sich. Die drei Polizisten verabschieden sich freundlich. Der Mann ist ein "alter Bekannter".

"Wir kennen uns, das hat durchaus Vorteile", erzählt der Polizeiobermeister Lars Görs, 36. "Dadurch kann man vieles entschärfen." Man könne besser auf die Leute einwirken, könne deren Verhalten besser einschätzen. "Unsere schärfste Waffe ist das Wort."

Frust und Freude

Den Kontakt bekommen die Beamten schon dadurch, daß man sich fast täglich begegnet. Wichtig dabei sei, wie man miteinander umgehe. "Wir behandeln sie als Menschen", sagt Jäck. Und das würden die Abhängigen spüren.

Daß sie wie die Kollegen der Kriminalpolizei nicht in Uniform unterwegs sind, verschafft den Ermittlern zwar einen leichteren Zugang, es bedeutet aber andererseits nicht, daß sie nicht konsequent eingreifen, wenn sie eine Straftat wittern. "Wir lassen uns nicht anschmieren, das wissen die ganz genau", so Jäck. Er ist bereits seit 18 Jahren in der Ermittlungsgruppe aktiv.

Durch ihre regelmäßige Präsenz vor Ort würden sie zugleich vorbeugend wirken, ist Jäck überzeugt. Das hielte manchen Abhängigen von einer Straftat ab.

Andererseits sind die Polizisten keine Träumer. Viele von den Drogenabhängigen sind seit Jahren "in der Szene". Und damit schon häufig von den Ermittlern beim Dealen oder Stehlen erwischt worden. Jedesmal gab es eine Anzeige - doch schon bald traf man sich wieder auf der Straße.

Es gibt aber auch Lichtblicke: jene Abhängige etwa, der sie beim Ausstieg aus der Szene geholfen haben, der sie einen Therapieplatz besorgt haben und die es wirklich geschafft hat und heute in Süddeutschland lebt. "Irgendwie sind wir auch Sozialarbeiter", sinniert Jäck. Immer dann nämlich, wenn sie sich nicht nur um Straftaten und deren Aufklärung kümmern, sondern um deren Ursachen.

Dann gehen sie schon mal zum Vermieter und verhandeln mit ihm darüber, daß der oder die Abhängige die Wohnung behalten darf. Manchmal reicht es schon, wenn sie den ausgemergelten Gestalten, die tagein, tagaus, auf der Straße unterwegs sind, ein frisches Brötchen kaufen - damit sie wenigstens einmal am Tag etwas Vernünftiges zu sich nehmen.

Routine, sagen die Ermittler, gibt es in ihrem Job nicht. Jeder Tag ist anders, auch wenn sich manches wiederholt. Zum Beispiel die Einsatzbesprechung am Vormittag, oder die Tour durch die Altstadt: Mengstraße, Markt, Hüxstraße, Krähenteich, Kanalstraße, Große Burgstraße, Koberg und zurück - oder quer durch die Rippenstraßen. Je nach "Lage". An diesem Vormittag ist es ruhig "auf den Straßen" - Gelegenheit, sich um die nicht tagesaktuellen Ermittlungen und Fahndungen zu kümmern.

Große Gröpelgrube: Ein Haftbefehl soll vollstreckt werden. Wegen 300 Mark. Der Mann ist nicht zu Hause. Die Ermittler klingeln bei den Nachbarn, versuchen, etwas über die Gewohn- heiten des Betroffenen herauszubekommen. Wohnt er überhaupt noch hier? Wann verläßt er das Haus? Wann kommt er zurück? Aus diesen Informationen wird der "Zugriff" vorbereitet. Geht der Mann normalerweise frühmorgens um 9 Uhr aus dem Haus, stehen die Fahnder eben bei nächster Gelegenheit um 8 Uhr vor der Wohnungstür.

Erfolg durch Überraschung

Überraschung - das ist die effektivste Methode, erklärt Stefan Melahn, den alle nur "Pille" nennen. Überraschung - das ist auch der Grund dafür, daß die Zivilfahnder selbst ihre lanjährigen "Kunden" noch überführen. "Die rechnen nicht mit uns, das ist unsere Chance." Das sieht dann beispielsweise so aus: Wenn die Ermittler einen Drogenabhängigen verdächtigen, "Stoff" mit sich herumzutragen, wird er untersucht. Finden sie nichts, ziehen sie ab - bleiben aber in unmittelbarer Nähe. Und wenn der Beschuldigte dann aus seinem Versteck den Stoff holt, sind die Polizisten zur Stelle.

Von diesen "Überraschungen" haben die Beamten noch viele parat, schließlich kann "man einen Dealer nicht jahrelang auf die gleiche Weise observieren", weiß Jäck.

Der besondere Blick

Müssen keine Personen überprüft werden, durchstreifen die Beamten die Innenstadt, stehen scheinbar gelangweilt wie Touristen an zentralen Punkten, am Klingenberg etwa oder in der Breiten Straße, und beobachten die Passanten - möglichst unauffällig. "Nach so vielen Jahren im Dienst bekommt man einen Blick dafür, wenn jemand was klauen will", sagt Jäck. "Die benehmen und bewegen sich ganz anders." Vor allem im Weihnachtstrubel, der Hochsaison für Taschendiebe, ist diese Menschenkenntnis die größte Hilfe.

Zehn Kilometer am Tag und das 200 Tage im Jahr - da kommt mehr als eine Weltumrundung zusammen, rechnet Jäck seinen mittlerweile fast 20jährigen Dienst zu Fuß in der Lübecker Altstadt zusammen. Doch er will mit niemandem tauschen. "Das ist der ideale Polizeijob". Man sei täglich draußen, könne sich Zeit nehmen und sich auf "das Gegenüber" einstellen. Außerdem habe er "gute Kollegen", das sei eigentlich das Wichtigste. Für Jäck steht daher fest:"Ich mach' das bis zu meiner Pen-
sion." Ein beruhigendes Gefühl für Einheimische und Gäste.

HINTERGRUND

Die zivile Ermittlungsgruppe des ersten Polizeireviers in der Mengstraße war die erste der Schutzpolizei in Deutschland. Sie stand Pate für weitere Gruppen, die zum Beispiel in weiteren Städten Schleswig-Holsteins nach dem lübschen Vorbild entstanden sind. Die zivile Ermittlungsgruppe wurde im Dezember 1981 eingerichtet. Damals gab es in der Hansestadt diverse Gruppen, insbesondere Jugendgruppen, die sich gegenseitig bekämpften.

Der Vorteil war, daß die Beamten in Zivil nicht sofort erkannt wurden und dadurch einerseits verdeckt ermitteln und andererseits ohne die distanzschaffende Uniform Kontakte aufnehmen konnten. Anfangs gehörten vier Polizeibeamte zur Gruppe, mittlerweile sind es sechs.

Rund 300 bis 400 Festnahmen verzeichnen die Ermittler pro Jahr, daneben eine große Zahl von Anzeigen aus nahezu allen Deliktsbereichen. Trotzdem sehen sie ihre Arbeit eher unter dem Aspekt der Prävention, also der Verhütung von Straftaten. Deshalb haben die Beamtenauch im Kriminalpräventiven Rat, am Runden Tisch St. Aegidien und weiteren präventiven Maßnahmen mitgearbeitet oder tun es teilweise noch.

Im Offenen Kanal Lübeck (Antenne: 98, 8 Mhz, Kabel: 106,5) berichten die zivilen Ermittler am Mittwoch, 25. Oktober, ab 16.05 Uhr in der Sendung "Polizeireport mit Helmi" über ihre Arbeit.

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