Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 12. Dezember 2000

"Es geht auch anders"

Ein Theatervormittag ist Auftakt eines Projektes zur Gewaltprävention

1550206.gif
Günter Garrels, Cornelia Koch, Ulrike Ebinger und Markus Kristen (von li.) vom Theaterprojekt Kaleidoskop ben Druck aus und geben den Druck weiter, den sie erleben; Foto: M. Rulfs

Kaum hat Ursula Knöckel, Lehrerin an der Alten Stadtschule, die Theatergruppe Kaleidoskop angekündigt, gibt es schon die erste Störung: Eine Frau kommt in die Aula und fragt nach Jasmin, ihrer Tochter aus der siebten Klasse, die ihre Butterbrotdose zu Hause vergessen hat. Ein Mädchen steht mit hochrotem Kopf auf: "Mama, das ist jetzt echt peinlich". - und die beiden sind mitten im Streit. Da merken die Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen, die in der Aula versammelt sind: Das Theater hat schon angefangen.

Konflikte, Gewalt und Möglichkeiten, Konflikte ohne Gewalt zu lösen, sind Thema des Theatervormittags an der Alten Stadtschule. Er gehört zu einem Projekt einer Arbeitsgruppe des Kriminalpräventiven Rates. Matthias Heinsohn-Krug vom Kinderschutz-Zentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist der Organisator: "Es geht auch anders - ein Projekt zum Mitmachen und Mitdenken für Schülerinnen und Schülern zum Thema Gewalt".

Die vier Theaterleute, die den Vormittag gestalten, kommen vom Verein für Spiel und Theaterpädagogik "Kaleidoskop" aus Hamburg. Was zunächst mehr nach Pädagogik als nach Theater klingt, stellt sich schnell als professionelles Spiel heraus, das die Schüler und Schülerinnen gespannt verfolgen. In drei kurzen Szenen zeigen die vier SchauspielerInnen typische Konflikte aus dem Alltag von Jugendlichen, die alle mit Gewalt enden: einen Streit in der Familie, eine Schulstunde voller Aggression und eine Abzock-Szene. Besonders die Schulszene, in der die Lehrerin den guten Schüler klar bevorzugt und den schlechten Schüler "voll fertig macht", hat es einer Siebtkläßlerin angetan: "Das ist alles so typisch. Das erleben wir genau so, jeden Tag."

Im Anschluß an die drei Szenen können die SchülerInnen entscheiden, wie sie die Szenen verändern würden, wenn sie sie umschreiben könnten. Und nach diesen Vorschlägen spielt "Kaleidoskop" die Szenen neu. Dabei gelingt es den Theaterpädagogen, den SchülerInnen nahe zu kommen. Sie springen von der Bühne und verwickeln ihr Publikum in Diskussionen. Und sie erzählen, wie sie sich selber in den verschiedenen Rollen fühlen. So sagte Ulrike Ebinger, die in der Familienszene die jugendliche Tochter spielte: "Bei der zweiten Szene hatte ich das Gefühl, die interessieren sich plötzlich wirklich für mich, für mein Leben".

Cornelia Koch in der Rolle der Mutter, stimmt zu: "Ja, ich forsche jetzt mehr nach, was Du tatsächlich machst". Und sie kommen gemeinsam zu dem Schluß: "Je mehr man übereinander weiß, desto mehr Vertrauen hat man zueinander."

Lernen durch Verstehen

Als DrehbuchschreiberInnen der neuen Szenen sind die SchülerInnen aktiv am Geschehen auf der Bühne beteiligt. Sie werden immer wieder gefragt, was sie denken, wie sie sich fühlen, ob sie ähnliche Siuationen kennen - und sie bekommen Beifall für ihre Vorschläge und Anregungen für weitere Veränderungen, die die Theaterleute immer wieder neu in Szene setzen.

Das Geld für diese andere Art des Lernens durch Verstehen, "einer Mischung aus Herz und Verstand", so Heinsohn-Krug, kommt vom Kriminalpräventitiven Rat, von der Possehl-Stiftung und vom Förderverein Kinderschutzzentrum.

Am Montag, 18. Dezember, wollen die Beteiligten der "Arbeitsgruppe häusliche Gewalt" des Kriminalpräventiven Rates, MitarbeiterInnen der AWO, von Pro Familia, von der Polizei und vom Institut für Praxis und Theorie der Schule, mit beteiligten LehrerInnen und mit Ruth Negendank das Theaterprojekt auswerten. Negendank engagiert sich auf Landesebene für die Theaterpädagogik.

Heinsohn-Krug ist zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis. Jugendliche aller fünf Schulen, an denen die Theaterpädagogen von "Kaleidoskop" im November und Dezember auftraten, "waren den ganzen Tag hoch aufmerksam dabei und haben toll diskutiert".

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de